Kassette 42b - Heisenberg Interview KI-Transkription (AssemblyAI), automatische Sprechertrennung, ungeprüft. Sprecher A/B/… noch nicht namentlich zugeordnet. — Auflösung: pro Sprecher-Turn — [0:00] Sprecher A: Einfachheit ist das Kennzeichen der Wahrheit. Die moderne Naturwissenschaft, auch die Physik, bemüht sich darum, die Erkenntnisse in einfacherer Sprache darzubieten, die Wirklichkeit auf ihre Urbilder hin zu untersuchen. Für den Laien aber, für den Nichtphysiker, erscheint die Sprache, die sie sprechen, immer komplizierter, in der mathematischen Formelsprache, hat einen Grad von Abstraktion, der nicht für jeden nachvollziehbar ist. Sehen Sie eine Möglichkeit, vielleicht in Zukunft diese Sprache anschaulicher zu gestalten? [0:36] Sprecher B: Zunächst muss ich da leider darauf antworten: Nein. Denn die moderne Wissenschaft hat ja das mit allen Wissenschaften gemeinsam, dass man erst längere Zeit braucht, um sich in sie einzuleben, dass also der Laie, der sich nicht die Mühe gemacht hat, sich jahrelang mit den Problemen, mit den Methoden der Wissenschaft zu beschäftigen, notwendig diesen Methoden gegenüber fremd sein muss. Er stellt sich zu der Wissenschaft so, wie er sich auch früher etwa der Medizin oder anderen Disziplinen gegenübergestellt hat. Er benützt zwar die Anwendungen, aber er weiß nicht, warum der Arzt etwa diesen oder jenen Ratschlag gibt, und überlässt das mit Vertrauen dem Arzt. Nun ist es in der modernen Naturwissenschaft vielleicht noch etwas schlimmer als in diesem alten Problem, weil wir ja mit der Naturwissenschaft, besonders in der Physik, in Gebiete vorgedrungen sind, die der sinnlichen Erfahrung unzugänglich sind. Also etwa die Welt der Atome oder der entfernte Weltraum. In beide Gebiete ist man mit modernen technischen Hilfsmitteln eingedrungen, und nun muss man darüber wissenschaftliche Aussagen machen. Und da stellt sich dann heraus, und es hat sich herausgestellt, dass unsere Sprache, mit der wir uns im täglichen Leben gut zurechtfinden, dass diese Sprache einfach nicht mehr geeignet ist, um etwas auszusagen oder Richtiges auszusagen über die Welt der Atome oder die Welt im Raum, in entfernten Räumen. Die Wörter der Sprache versagen also, und das ist eine zentrale Schwierigkeit. [2:15] Sprecher A: Könnten Sie, Herr Professor, das, was Sie gerade andeuteten, anhand jener Entdeckung vielleicht noch etwas vertiefen, für die Sie nämlich 1932 den Nobelpreis bekamen, also den Umkreis Elementarteilchen und das, was man Matrixenrechnung nennt? [2:36] Sprecher B: Ja, damals waren wir mit dem Problem konfrontiert, Wie sieht ein Atom aus? Wie bewegen sich die Elektronen im Atom? Und um eine lange Geschichte kurz zu machen, das Endergebnis war, dass eben solche Begriffe wie Ort und Geschwindigkeit eines Elektrons, dass die nicht mehr anwendbar sind, dass wir also da an die Grenzen der Sprache gestoßen sind, und man hat dann diese Grenzen der Sprache formuliert in den sogenannten Unbestimmtheitsrelationen. Warum die Sprache versagt, wenn man zu ganz entfernten oder zu kleinsten Dingen geht, das hat mein Lehrer Nils Bohr ganz gerne anschaulich gemacht mit einem lustigen Vergleich. Er sagte, ja, erzählte die Geschichte von einem kleinen Jungen, der in einen Laden geht und für ein paar Pfennig gemischte Guzeln kaufen will. Und dann sagt der Kramer zu ihm, ja, hier hast du 2 Guzeln, mischen kannst du dir sie selber. Und an dieser Geschichte merkt man nun, dass das Wort Vision eben zwar einen guten Sinn hat, wenn man viele Dinge vor sich hat, aber keinen guten Sinn hat, wenn man zwei vor sich hat. Und damit hat Bohr illustrieren wollen, dass eben die Wörter der Sprache versagen können, wenn wir in extreme Bereiche kommen. [3:51] Sprecher A: Herr Professor, ich komme wieder mit einem lateinischen Satz aus dem Mittelalter, aus dem Kreise der Dombaumeister. Die sagten: eine Art Sinistianil ist, also eine Kunst, in der nicht Wissenschaft aufscheint, Proportionen sich zeigen, taugt nichts. Gott ist ein Mathematiker. Müsste man nicht heute den Satz auch umkehren und sagen: Wissenschaft, die nicht sich künstlerischen Kategorien öffnet, die sich nicht wie in Bildern aussagen lässt, taugt für den Menschen nichts? [4:26] Sprecher B: Ich weiß nicht, ob man da von Tauben sprechen soll. Man wird bloß sagen müssen, dass die Wissenschaft dort, wo sie wirklich echte Erkenntnis über die Natur vermittelt, ganz von selbst auch mit ästhetischen Kategorien konfrontiert wird, und zwar einfach deswegen, weil sich herausgestellt hat— Sie können das als historisches Faktum nehmen— dass die letzten Naturgesetze immer einfach sind. Und die Einfachheit ist ja im Grunde eine ästhetische Kategorie. Einfach heißt ja eben überschaubar, erkennbar, verständlich, und das muss ja ein Kunstwerk auch sein. Also das Einfache und das Schöne, die beiden Dinge hängen sehr eng zusammen, und insofern hat auch die Naturwissenschaft immer wieder mit dem Schönen zu tun. [5:14] Sprecher A: Sie haben, als Sie die Entdeckung machten in den späten 20er Jahren, und gesagt, dass für sie plötzlich ein Grund von merkwürdiger innerer Schönheit sichtbar wurde. Das erinnert an ähnliche Aussprüche von Einstein, von Kepler und mit Theorien von den alten Griechen. [5:32] Sprecher B: Ja, das ist immer das Erlebnis, das der Naturforscher hat, wenn er auf Zusammenhänge stößt, von denen so ganz offenbar ist, dass er sie nicht selber gemacht hat, sondern dass sie in der Natur vorhanden sind. Und die gleichzeitige Erkenntnis, dass diese Zusammenhänge den Charakter von etwas Einfachem haben. Also Einstein ist damals in seiner Relativitätstheorie auf einen bis dahin unbekannten, aber eben durchaus überschaubar einfachen Zusammenhang zwischen Raum und Zeit gestoßen. Und so sind also große Entdeckungen eigentlich immer gemacht worden. Man hat plötzlich gesehen, ja, hier sind ja Zusammenhänge in der Natur, die man bisher gar nicht erkannt hat, die aber in Wirklichkeit ganz einfach und überzeugend sind und insofern eben dann auch schön sind. [6:19] Sprecher A: Ja, Sie haben den Begriff der Schönheit, der auch in den Naturwissenschaften relevant ist, einmal in einem Vortrag unter zwei Gesichtspunkten definiert. Einmal sagten Sie, Schönheit ist nach den alten Griechen die Zusammenhänge der Teile untereinander und mit einem tiefer liegenden Ganzen. Und eine andere Definition, die aber für die heutige empirische Wissenschaft nicht so greifbar nahe ist, ist, wenn das Ganze eine durch die Materie, durch die Erscheinungswelt hindurch leuchtet. [6:54] Sprecher B: Ja, also bei den Griechen ist ja schon von dem Einen und von dem Vielen gesprochen worden, und das Eine war gleichzeitig das Gute und das Schöne, ja, so eine Umdrehung. Und im Grunde hat man als Naturwissenschaftler auch das Gefühl, wenn man auf diese ganz einfachen Zusammenhänge stößt, dass eben hier etwas durchscheint. Es ist nicht nur so, dass nun die Teile alle gut zusammenpassen und das Ganze eine wohlgeordnete Gesamtheit wird, sondern man hat das Gefühl, hier erkennt man ja etwas, was für die Welt im Ganzen charakteristisch ist. Also eine Einheit, die hier durchscheint, die hier durchleuchtet. Und gerade das Wort durchleuchten ist ganz charakteristisch für die Empfindung, die man hat, wenn man solche Zusammenhänge erkennt. [7:45] Sprecher A: Entspricht nun dieser Auffassung, die Sie sagen als Naturwissenschaftler, dieser Auffassung nicht mehr das Schönheitsideal der Renaissance als der modernen Kunst, die sich ja von einer solchen, von einer solchen Schönheit ziemlich weit entfernt hat? [8:00] Sprecher B: Die moderne Kunst stellt augenblicklich die Verzweiflung an der Welt dar und hat für mich etwas sehr Verwirrendes, sodass ich mit vielen der Zeugnisse moderner Kunst einfach nichts anfangen kann. Aber ich würde so sagen, es kann durchaus sein, dass die moderne Kunst dann auch findet, dass hinter all diesen Dingen, die zunächst so chaotisch scheinen, dann doch jeneselbe große, aber etwas abstrakte Einfachheit ist, die wir in der modernen Wissenschaft dauernd, sagen wir mal, von der Natur uns vorgeführt bekommen. Also ich hoffe, dass die moderne Kunst sich eines Tages nach diesem Durchgangsstadium, das sie zweifellos ist, auch zu einer neuen Einfachheit hinbewegen wird, aber wir können einstweilen natürlich noch nicht sehen, wie das geht. [8:49] Sprecher A: Herr Professor, die Erkenntnis der Einfachheit in der natürlichen Wirklichkeit ist ja nicht nur schön, sondern, vermute ich, auch notwendig für den Menschen, damit er sich in dieser Welt heimisch fühlen kann und entsprechend auch anständig leben. [9:10] Sprecher B: Ja, wenn Sie der Wissenschaft in dieser Weise also nun eine ethische Funktion zuschieben, dann wird man sagen müssen, dass sich zunächst durch die moderne Wissenschaft natürlich gar nicht viel geändert hat. Also die Menschen haben sich immer anständig aufführen müssen und müssen es auch jetzt Aber es haben sich natürlich in der modernen Wissenschaft die ethischen Probleme manchmal von Neuem gestellt, teils bei dem Umgehen mit den praktischen Auswirkungen der Wissenschaft, also Verantwortung des Forschers gegenüber seinen Ergebnissen, teils auch, wie Sie gerade gesagt haben, gegenüber in dem Umgang der Menschen mit der Vielfalt der Erscheinungen der Welt. Der Mensch hat oft in Angst, dass er von diesen technischen Zweckmäßigkeiten irgendwie erdrückt wird, dass seine freien Entscheidungen gar nicht mehr vorhanden sind, weil alles so vorprogrammiert und vorbestimmt ist. Und die Frage ist, ob eigentlich die moderne Wissenschaft nun in dieser Beziehung des Menschen zu der ihn umgebenden Welt irgendetwas leisten kann. [10:14] Sprecher A: Man könnte es vielleicht so formulieren: Die eine Steinsche und die Heisenbergsche allgemeine Feldtheorie, einheitliche Feldtheorie? Ist sie nur interessant für den Physiker, oder ist sie ein Teil jenes Weltbildes, das wir nötig haben, um überhaupt existieren zu können? [10:36] Sprecher B: Da finde ich, dass diese Versuche zur einheitlichen Feldtheorie, die schon Einstein gemacht hat und die ich selbst jetzt wieder mache, dass die insofern vielleicht eine Hilfe sein können, weil sie immer wieder daran erinnern, dass erstens die Naturgesetze natürlich eine Einheit sind, die zerfallen nicht, sondern die Natur ist eine Einheit, und dass wir als Menschen eben in diesen Gesamtzusammenhang verwoben sind und dass wir daher in unseren Handlungen immer bezogen sind auf diesen großen Zusammenhang. Dieser Bezug ist früher in der Sprache der Religion ausgedrückt worden und wird auch jetzt immer immer wieder neu ausgedrückt werden müssen, weil die Sprache der Menschen sich ändert. Aber die moderne Wissenschaft jedenfalls weist auch den Menschen darauf hin, dass er in diesem Gesamtzusammenhang drinsteht und dass er sich nicht als ein verlorenes Atom vorkommen muss, das sozusagen darin keine Bedeutung hat, sondern dass er eben seine Rolle in diesem großen Zusammenhang spielt. [11:37] Sprecher A: Ein Weltbild, Ist es schon möglich, Herr Professor Heisenberg, oder stehen wir erst am Beginn, an der ersten Erarbeitung von einigen Teilen, die zu Ihrem Weltbild gehören? [11:50] Sprecher B: Ich habe immer Angst, wenn man eine spezielle Wissenschaft zur Grundlage eines Weltbildes machen will. Also ich finde nicht, dass es ein physikalisches oder ein medizinisches oder ein psychologisches Weltbild gibt, sondern es gibt nur eine Stellung zur Welt, die sich in jeder Zeit eben auch auf Kenntnissen in der Wissenschaft, in den verschiedenen Wissenschaften aufbaut, aber auch auf vielen anderen Dingen. Immerhin glaube ich, dass eben die moderne Wissenschaft auch ihren Beitrag leistet, auch die moderne Physik ihren Beitrag leistet zu diesem Weltbild, und dass die einheitlichen Feldtheorien, an denen wir arbeiten, dass die immerhin ein Teil dieses Weltbildes richtig beleuchtet, aber ich glaube nicht, dass es die Grundlage eines Weltbildes sein kann. [12:38] Sprecher A: Ja, in gewissen Berichten über die von Ihnen angestrebte und für möglich gehaltene Weltformel liest man manchmal allzu optimistisch, dann ist alles in seinem Zusammenhang erklärbar, aber wahrscheinlich werden Sie selbst anderer Meinung sein, denn die biologischen Dass die Frage des Lebens, des Werdens, der Wandlungen, der Veränderungen, die sind in einer solchen Weltformel wahrscheinlich nicht enthalten. [13:05] Sprecher B: Das Wort Weltformel habe ich selber gar nicht erfunden, und das ist mir eben etwas zu anspruchsvoll. Das, was wir jetzt wollen in der Physik, ist eigentlich eine Grundlage schaffen, von der aus wir die verschiedenen physikalischen Erscheinungen wie, sagen wir, Elektrizität, Gravitation, Atomphysik und so weiter Wie wir das als Einheit begreifen, das ist ganz zweifellos eine Einheit. Schon die biologischen Zusammenhänge sind in dieser Weltformel ja sicher nicht enthalten. Denn in der Biologie arbeitet man ja mit ganz anderen Begriffen, die gar nicht aus Physik und Chemie stammen. Man spricht etwa von Leben, von Heilung eines Organismus, von Bewusstsein. Und alle diese Begriffe kommen in Physik und Chemie und also auch in der Weltformel nicht vor. Natürlich müssen die biologischen Zusammenhänge mit den physikalisch-chemischen und atomaren Zusammenhängen zusammenpassen, die in der Weltformel formuliert sind. Aber das ist noch mal ein ganz neues Problem, und das wird ja augenblicklich von den Biologen selbst natürlich abgehandelt. [14:08] Sprecher A: Die Lücken solcher Weltformeln oder einheitlichen Feldtheorien könnte man vielleicht durch philosophische Weltbilder ausfüllen. Und es gibt ja solche von Naturwissenschaftlern, wie Monod, Weizsäcker geschrieben. [14:24] Sprecher B: Also ich glaube, dass die philosophische Ausdeutung der Naturwissenschaft immer erst kommen kann, wenn die betreffenden Gebiete der Naturwissenschaft wirklich fertig sind, abgeschlossen sind, sodass man sie voll überschauen kann. Und da gibt es in der Tat philosophische Forderungen aus dem der modernen Physik, die, wie Sie sagen, von Weizsäcker gezogen sind. Und es gibt auch neuerdings philosophische Ausdeutungen der Biologie, etwa in dem bekannten Buch von Monod. Ich würde aber sagen, bei den philosophischen Ausdeutungen muss man nicht nur eine Wissenschaft, sondern eben alle im Blickfeld haben. Und ich glaube, dass hinsichtlich der philosophischen Ausdeutung der modernen Physik mehr und Wesentlicheres bedarf, als das etwa die Biologen, sei es Monod oder andere, bis hierhin tun können. [15:13] Sprecher A: Dass die Wissenschaft in ihren letzten Konsequenzen für die Menschheit auch gefährlich werden kann, lässt sich an gewissen Folgen der Technik ablesen. Alle Welt weiß davon. Gibt es für den Wissenschaftler einen Weg zu garantieren, dass sein Tun nicht gefährlich, sondern fördernd wird? [15:33] Sprecher B: Es wird heute ja sehr viel von den Gefahren der Wissenschaft gesprochen und vielleicht etwas zu viel. Man sollte sich auch daran erinnern, dass ja die ganze Entwicklung der Technik, der Medizin und so weiter, die in den letzten 100 bis 150 Jahren sich vollzogen hat, das Leben des Menschen ungeheuer erleichtert und insofern auch verbessert hat, dass viel Elend beseitigt worden ist. Also es gibt sicher nicht nur Gefahren. Aber es gibt auch Gefahren, und die sind natürlich in unserer modernen Welt sehr deutlich. Einerseits etwa Umweltverschmutzung und die ganzen Probleme, über die ja zu viel geredet wird, oder auch eben Atombomben oder chemische, bakteriologische Waffen. Diese Gefahren sind da. Die Wissenschaft hat diese Ambivalenz, wie man es auch gelegentlich nennt, dass sie zum Guten und zum Schlechten angewendet werden können. Könnte. Und wir müssen uns natürlich Mühe geben, nur die eine Seite, das Gute zu nehmen. Frage ist, ob der Wissenschaftler selbst dazu etwas tun kann. Ich glaube, er muss sich eben der Verantwortung, die mit jeder Erkenntnis, mit jeder Entdeckung verbunden ist, dieser Verantwortung bewusst werden und muss danach handeln. Wie er das im Einzelnen tut, Das ist viel schwieriger und das wird von Fall zu Fall verschieden sein und dafür gibt es keine Rezepte. [16:57] Sprecher A: Aber wenn es auch schwierig ist, ein Rezept zu geben, die Notwendigkeit liegt, wie Sie sagen, auf der Hand. Könnte man sich etwas Ähnliches denken wie den hippokratischen Eid, der seit alters die Ärzte, die ausgebildeten Mediziner verpflichtet, eben nichts zu tun in ihrem Beruf, das den Menschen schädigt? [17:17] Sprecher B: Ja, man hat immer wieder versucht, solche Formeln zu finden. Es sind ja auch gelegentlich solche Formeln als Kundgebungen bei physikalischen oder Naturforscherversammlungen ausgesprochen worden. Also solche Formulierungen gibt es, und sie sind wahrscheinlich ein gewisser Haltepunkt, an dem man eben sich orientieren kann, wenn man überlegt, was man erforscht. Aber eine absolute Sicherung gegen ungünstige Wirkungen von Erkenntnissen wird es überhaupt nie geben. Immerhin, ich bin völlig mit Ihnen einig, dass, ob man das nun in einer solchen Formel ausspricht oder nicht, dass der Wissenschaftler so handeln muss, als hätte er einen solchen Hippokratischen Eid geleistet. Und ich glaube, dass es auch die meisten heutzutage tun werden. [18:07] Sprecher A: Wäre eine Hilfe in diese Richtung auch, wenn die Wissenschaftler ein wenig ihre Spezialgebiete transparenter gestalten würden, einerseits für den anderen Spezialisten, andererseits aber, dass sie sich für das Gebiet des anderen interessieren? [18:25] Sprecher B: Ich glaube auch, dass die Verbindung zwischen verschiedenen Wissenschaften, das Gespräch über die Wissenschaften hinweg, dass das sehr fördert. Ist. Und gerade wenn wir jetzt lernen, dass Wissenschaft auch mit ethischen Problemen zu tun hat, dann ist damit ja auch ein Teil schon ausgesagt über die Verbindung der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft. Die Fragen etwa der Jurisprudenz gehören ja auch mit den Fragen der Ethik irgendwie zusammen. Und so sieht man, dass eben auch die ganzen Geisteswissenschaften zusammengehören mit den Problemen der Naturwissenschaften, dass wir es nicht trennen können. Das gilt übrigens auch für die Frage des Missbrauchs. Man spricht ja jetzt viel vom Missbrauch der Naturwissenschaften in der Waffentechnik, etwa Atomphysik. Man spricht leider viel weniger von dem Missbrauch etwa der Psychologie. Psychologie ist augenblicklich ein sehr beliebtes Studienfach, wie Sie wissen, und ich fürchte, dass augenblicklich im Gebiet missbrauchter Psychologie fast noch Schlimmeres getan wird als in dem Gebiet missbrauchter Naturwissenschaften. Aber das ist ein weites Feld, man sollte vielleicht nicht in solche Einzelheiten gehen. [19:38] Sprecher A: Sie erwähnten das Gegenüber von Geist- und Naturwissenschaften, das spielte lange Zeit eine große Rolle. Heute nähern sie sich an. Könnte es sein, dass die Naturwissenschaftler eher geneigt sind, Geisteswissenschaftler zu werden als umgekehrt, einfach weil die naturwissenschaftlichen Dinge viel zu schwierig sind für die geschulten Philosophen? [19:59] Sprecher B: Zunächst sind die Naturwissenschaftler vielleicht nicht von sich aus geneigt, aber durch ihren Gegenstand gezwungen, auch geisteswissenschaftliche Dinge zu lernen. Zum Beispiel, wenn wir über die Frage der Sprache nachdenken, wie wir vorhin schon kurz beredet haben, dann heißt das ja, dass wir eigentlich im Gebiete eindringen, die früher von den Sprachwissenschaftlern allein behandelt worden sind. Und wenn wir Erkenntnistheorie treiben, dann heißt das, dass wir Dinge behandeln müssen, die früher Sache der Philosophen waren. Also der Naturwissenschaftler ist gezwungen, um sein Gebiet besser zu verstehen, eben auch geisteswissenschaftliche Kategorien in Betracht zu ziehen. Dieser Zwang ist bei den Geisteswissenschaften vielleicht auch schon hier und dort vorhanden. Vorhanden, aber er ist erstens wohl noch nicht so sichtbar, und zweitens ist es im Allgemeinen für den Geisteswissenschaftler noch schwieriger, sich die Technik der Naturwissenschaft einigermaßen anzueignen als das Umgekehrte. [20:55] Sprecher A: Könnte man vielleicht sagen, die Philosophie hat eine neue Zukunft, aber sie wird nicht aus den Humboldtschen Bildungsstätten, sondern aus den Max-Planck-Instituten kommen. [21:08] Sprecher B: Ja, ich würde also ungern so ein Plädoyer für die Max-Planck-Institute hier machen. Ich würde sagen, die Philosophie wird ganz sicher durch Naturwissenschaften mit befruchtet werden, und ich habe mit Freude gesehen, dass ja verschiedene Philosophieprofessuren von Leuten besetzt worden sind, die früher auch Naturwissenschaft studiert haben. Man muss eben in die Philosophie von verschiedenen Seiten hereinkommen, und man muss gerade im Gebiet der Philosophie das Gespräch zwischen den verschiedenen Wissenschaften in Gang bringen. [21:38] Sprecher A: Herr Professor, in Ihren Büchern, zuletzt in diesem Schritte über Grenzen im Piper Verlag, berühren Sie erstaunlich oft philosophische Fragen. Sie sprechen über Platon und über Plotin und setzen sich mit den physikalischen Philosophen des späten Mittelalters und der beginnenden Neuzeit auseinander. Kann man sagen, dass die alten Fragen der Philosophie um Tod und Leben, Lieben und Leiden von den alten Denkern schon genügend beschrieben worden sind, von Pascal, von Laozi, von Jesus und von Plato, oder bringt die moderne Naturwissenschaft dazu neue Aspekte? [22:22] Sprecher B: Die alten Probleme selbst haben sich ja nicht geändert. Ich meine, wir wissen dass wir sterben müssen, dass wir leiden müssen, dass es am besten ist, wenn man sich trotzdem mit Vertrauen in diesen großen Zusammenhang einordnet, der ja eben Leben, Tod und Leiden mit enthält. Und insofern könnte man sagen, zu diesen alten Fragen ist ja gar nichts Neues zu sagen, denn die alten Philosophen haben darüber mindestens so gründlich nachgedacht wie wir. Aber natürlich ändern sich doch die Fragen, oder sagen wir richtig, die Sprache, in der man über diese Fragen spricht, im Lauf der Jahrhunderte. Und insofern ist es lehrreich zu sehen, dass wir, auch wenn wir in ein ganz modernes Wissenschaftsgebiet eintreten, dass wir immer wieder gezwungen werden, über diese alten Fragen nachzudenken und diese alten Fragen irgendwie zusammenzubringen oder zu konfrontieren mit dem, was wir an Neuem dazugelernt haben. So war es für mich immer menschlich eine große Bereicherung, dass etwa mein Lehrer Nils Bohr fast von selbst immer auf diese philosophischen Fragen gekommen ist. Er war wahrscheinlich von Natur mindestens so sehr Philosoph wie Naturwissenschaftler. Und natürlich ergibt sich dann auch, dass man doch über die alten Fragen in einer anderen, moderneren Weise spricht und sich mit den anderen Problemen vielleicht auch hier und dort etwas anders abfindet als zu früheren Zeiten. Aber man darf nicht denken, dass sich da allzu viel geändert hat. [23:51] Sprecher A: Zumindest scheint von der Naturwissenschaft unserer Zeit her eine Bestätigung nachzuweisen zu sein für alte Bilder, für Vorstellungen der alten Philosophie, zum Beispiel die Ideenlehre von Plato, auf die Sie oft Bezug nehmen, oder die Archetypenlehre, auf die Wolfgang Pauli, einer Ihrer Freunde, Ihrer früheren Freunde, hingewiesen hat. [24:13] Sprecher B: Man kann vielleicht überhaupt sagen, dass es in der Philosophie mehr darauf ankommt, fruchtbare Fragen zu stellen, als richtige Antworten zu finden. Und diese Fragestellungen gerade etwa der alten griechischen Philosophen haben sich eben als so fruchtbar erwiesen, dass sie immer wieder neu aufgeworfen worden sind, wenn neue Erkenntnisse, sagen wir mal, unsere ganze Erkenntnissituation in ein neues Licht getaucht haben. Und darum hat es mir auch Freude gemacht festzustellen, dass ich glaube, dass das eine richtige Formulierung ist, dass die moderne Atomphysik in dem alten Streit zwischen Plato und Demokrit zu dem Schluss gekommen ist, dass Plato recht hatte und Demokrit unrecht hatte. Natürlich ist auch hier das wieder etwas zu billig oder zu trivial formuliert. In Wirklichkeit hat sowohl Plato als auch Demokrit ungeheuer fruchtbar vorangestellt. Und gerade die demokritische Atomlehre ist ja ungeheuer fruchtbar geworden. Aber die platonische Ideenlehre ist vielleicht noch etwas tiefer gewesen. [25:17] Sprecher A: Wenn die moderne Naturwissenschaft zur alten Philosophie diese Nähe hat und diese neue Nähe, dann könnte man mit Recht sagen, auch der Gott der Physiker ist nicht nur ein Mathematiker, sondern auch der Gott der Liebe. [25:31] Sprecher B: Jedenfalls ist das mit dabei, so wie ja auch zum Physiktun, also zu dem, was die Wissenschaftler untereinander tun, immer die menschliche Beziehung zum anderen eine ganz große Rolle spielt. Also die verschiedenen Seiten Gottes sind sicher dem Physiker ebenso wenig fremd wie den anderen Menschen. [26:00] Sprecher A: Letzte Fragen des Menschen, 22.11.1972, Gespräch mit Werner Heisenberg.