Kassette 30b - Einstein KI-Transkription (AssemblyAI), automatische Sprechertrennung, ungeprüft. Sprecher A/B/… noch nicht namentlich zugeordnet. — Auflösung: satzweise — [0:01] Sprecher A: Wissenschaftler, der unser Weltbild entscheidend geprägt hat, sondern der Mensch Einstein, dessen Lebensweg mit wichtigen Stationen der Zeitgeschichte verknüpft war: Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, zwei Weltkriege [0:16] und Atomzeitalter. [0:22] Sprecher B: 1930 spricht er zur Eröffnung der Berliner Funkausstellung. [0:32] Sprecher A: Verehrte An- und Abwesende, wenn ihr den Rundfunk höret, so denkt auch daran, wie die Menschen in den Besitz dieses wunderbaren Werkzeuges der Mitteilung gekommen sind. [0:50] Der Urquell aller technischen Errungenschaften ist die göttliche Neugier und der Spieltrieb des bastelnden und grübelnden Forschers und nicht minder die konstruktive Fantasie des technischen Erfinders. [1:07] Was speziell den Rundfunk anlangt, so hat er eine einzigartige Funktion zu erfüllen im Sinne der Völkerversonderung. [1:20] Sprecher B: Er ist nun eine internationale Größe. [1:22] In London hält George Leonard Shaw war ein Bankett, ihm zu Ehren eine Rede. [1:57] Sprecher A: Their hands are unstained by the blood of any human being on Earth. [2:05] Ptolemy made a universe which lasted 1,400 years. [2:11] Newton also made a universe which has lasted 300 years. [2:16] Einstein has made a universe, and I can't tell you how long that will last. [2:30] Sprecher B: Je lauter der Rummel um Einstein wird, desto weniger produktiv ist der Forscher auf wissenschaftlichem Gebiet. [3:00] Der große Gelehrte legt eine seltsame Mischung aus Scheu und Eitelkeit an den Tag. [3:06] Mit kindlicher Freundlichkeit beantwortet er auch die dümmsten Fragen, was er von der Prohibition halte. [3:16] Sprecher A: Ich trinke nicht, also ist mir das ganz gleich. [3:20] Sprecher B: Auf der Rückreise aus Amerika erhält er die Nachricht von der Machtergreifung Hitlers. [3:25] Sprecher A: Der Woodhead sieht no Shakespeare, no Goethe, no Newton, no Faraday, no Pasteur and no Nietzsche. [3:42] Sprecher C: Die Freiheit, die er über alles liebt, findet er in Amerika. [3:49] Sprecher B: Seine Zuflucht ist die Universität Princeton. [3:53] Hier findet er nach der Hektik der letzten Jahre und dem seelischen Aufruhr über den Verlust der Heimat eine, wenn auch erzwungene Ruhe. [4:03] Anfangs sieht er den Aufenthalt hier nur als Provisorium an, glaubt an eine Rückkehr nach Europa. [4:10] Doch bald erkennt er, dass er an Amerika gefesselt ist. [4:14] Wie die Mehrzahl der Emigranten versucht er, sich mit dem Land und seiner Tradition zu befreunden. [4:44] Sprecher A: An both sides, the means for mass destruction are perfected with feverish haste behind the respective walls of secrecy. [4:55] Radioactive poisoning of the atmosphere and hence annihilation of any life on Earth has been brought within the range of technical possibility. [5:10] It is impossible to achieve peace as long as every single action is taken with a possible future conflict in view. [5:22] May I present it to you, Dr. [5:24] Einstein? [5:25] Sprecher B: Noch einmal wird der alte Mann vor die Kameras gezerrt. [5:28] Das Judentum sieht in ihm seinen prominentesten Vertreter, will ihn für den Staat Israel gewinnen. [5:33] Er lehnt ab. [5:34] Eine jüdische Universität in Amerika. [5:37] Nennt ein Institut nach ihm. [5:39] Sprecher C: Er ist dankbar. [5:40] Sprecher A: I am grateful that the Shiba University has honored me by using my name in connection with the new College of Medicine. [5:51] Okay, anyone? [6:04] Sprecher B: Dann wird es einsam und fast genießt er die Abgeschlossenheit. [6:09] Sprecher D: Ich habe mich hier vortrefflich eingelebt, hause wie ein Bär in seiner Höhle und fühle mich eigentlich mehr zu Hause als je in meinen wechselvollen Wegen. [6:17] Diese Bärenhaftigkeit ist durch den Tod der mehr mit den Menschen verbundenen Kameradin noch gesteigert. [6:27] Sprecher B: Die Frau ist gestorben. [6:29] Bald folgt ihr die Schwester. [6:31] Sprecher C: Er ist allein. [6:38] Sprecher B: Einsteins letzte Lebensjahre sind verdüstert von dem Bewusstsein, wenn auch unwillentlich an der Entwicklung der Atombombe mitgewirkt zu haben. [6:46] Der Gedanke an die Toten von Hiroshima und Nagasaki hat ihn nie mehr losgelassen. [6:51] Sein großer Antipode und Brieffreund Max Born schreibt: Einsteins Schicksal offenbart wie kaum ein anderes in der Geschichte wie größte Kraft des Geistes und reinstes Wollen nicht davor schützen, Entscheidungen zwischen zwei [7:04] Möglichkeiten fällen zu müssen, die beide gleich verabscheuenswert sind. [7:09] Einstein selbst hat das ähnlich empfunden. [7:12] Dazu kam noch die Vergeblichkeit seines unablässigen Bemühens um ein noch umfassenderes System, das elektromagnetisches und Gravitationsfeld versöhnen sollte. [7:22] Das ist das, was Heim immer Die vereinheitlichte Feldtheorie des Jahres 1950 stellte den Versuch dar, das Geheimnis des Universums in 4 mathematische Formeln zu fassen. [7:34] Der Erfolg ist ihm versagt geblieben. [7:37] Deutschland, dem Land seiner Ahnen, stand Einstein zwiespältig gegenüber. [7:41] Einerseits war es auch nach dem Krieg noch für ihn das Land der Massenmörder, andererseits hing er aber mit allen Fasern seiner Seele an der deutschen Musik Bachs und Mozarts an der deutschen klassischen Literatur, an der [7:54] deutschen Philosophie. [7:56] Er hat nie die Hoffnung aufgegeben, wörtlich, dass dort in Zukunft die großen Männer wie Kant und Goethe nicht nur von Zeit zu Zeit gefeiert werden, sondern dass sich auch die von ihnen gelehrten Grundsätze im öffentlichen [8:08] Leben und im allgemeinen Bewusstsein durchsetzen. [8:13] Für uns Nachkömmlinge gehört Albert Einstein, dessen Wesen subtile Einfachheit war, selbst zu den Idealfiguren. [8:25] Fragt man nicht warum. [8:28] Am 18. [8:28] April 1955 starb Albert Einstein. [8:33] Er wollte, dass sein Leib verbrannt werde und seine Asche an unbekanntem Ort verstreut. [8:39] So geschah es. [8:41] Bei der Trauerfeier sprach sein Nachlassverwalter Otto Nathan auf Deutsch die Schlusszeilen jenes Gedichtes, das Goethe 150 Jahre vorher für die Trauerfeier Friedrich Schillers verfasst hatte: Wir haben alle Segen reich erfahren, [8:58] die Welt verdankt ihm, was er sie gelehrt. [9:02] Sprecher D: Schon längst verbreitet sich's in ganzen Scharen, das Eigenste, was ihm allein gehört. [9:08] Er glänzt uns vor, wie ein Komet entschwindend, unendlich Licht mit seinem Licht verbinden. [9:38] Sprecher C: Nein, nein, also wieder zu viel Unruhe, wieder Verstreue von unserer letzten Tagung, weil sie hat sich eigentlich mega angeguckt. [9:56] Ich bin sehr bald Sehr bald nach Ausbruch des Krieges bin ich als Kind schon Pazifist geworden, unter dem Einfluss natürlich von sowohl meines Vaters als auch von anderen Freunden. [10:17] Ich habe einen Freund in Wien gehabt, einen Ingenieur, Arthur Arndt, ein Großneffe des Ernst Moritz Arndt und ein besonders starker, entschiedener Antinationalist im Gegensatz zu seinem Großonkel. [10:48] Unter dem Einfluss von diesem Arthur Arndt bin ich dann sehr gegen den Krieg gewesen, sehr bald. [11:04] Und ich habe auch ziemlich bald begriffen, dass die Berichte über den Krieg, besonders über den Durchmarsch durch Belgien, dass alles das eine überaus fragwürdige Angelegenheit war, es war natürlich ungeheure Propaganda. [11:25] Im Jahr 1918, als der Krieg zu Ende ging, war ich ein radikaler Sozialist, auch zum Teil unter dem Einfluss dieses Ingenieurs Arthur Arndt. [11:44] Ich habe mich sogar für einige Wochen als Kommunisten betrachtet damals. [11:55] Und dann kam diese furchtbare Sache, die damals in Wien bekannt war unter dem Namen die Schießerei in der Hörlgasse. [12:10] Anzahl von kommunistischen Jugendlichen, unter denen ich auch war, sind zur Polizei marschiert, mit der Absicht, einige jugendliche Kommunisten, die im Polizeipräsidium eingesperrt waren, zu befreien. [12:34] Natürlich haben wir nicht daran gedacht, Gewalt zu brauchen, wir haben keine Waffen gehabt und so weiter. [12:40] Und die Polizei hat auf uns geschossen und es sind, ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ungefähr, ich glaube, 8 oder so sind gefallen. [12:53] Und das war für mich die entscheidende Wendung. [13:03] Gegen den Marxismus. [13:05] Ich war zwar entsetzt über die Tat der Polizei, aber ich war auch entsetzt darüber, dass ich und andere Leute einfach aufgrund der kommunistischen Formel, je mehr Unruhen, und je ärger die Dinge werden, umso besser ist es [13:32] für— umso schneller wird der Sozialismus kommen, umso besser ist es für die Menschheit. [13:39] Und diese Formel dann habe ich von da an eben dann bezweifelt und mir überlegt, ob das ob irgendjemand das Recht hat, aufgrund einer angeblichen Sicherheit, dass es zum Sozialismus kommen muss und dass es umso früher zum [14:06] Sozialismus kommen muss, je schlimmer die Zustände sind. [14:13] Diese Formel habe ich mir dann überlegt, ob das eine haltbare Form ist. [14:23] Man kann sein eigenes Leben für gewisse Ideale, kann und soll man wahrscheinlich sein eigenes Leben einsetzen. [14:33] Aber ob man das Leben anderer einsetzen kann, ist überaus fragwürdig. [14:38] Am fragwürdigsten ist es, das Leben anderer einzusetzen, wenn man ihnen sagt, dass es sicher zu einer Lösung aller dieser Probleme kommen wird im Sozialismus, wenn man von dieser Sicherheit aber in Wirklichkeit nichts weiß, [14:58] wenn man als Intellektueller den Arbeitern gegenüber für die Theorie, für die Richtigkeit der Theorie, der geschichtlichen Theorie sich verbürgt sozusagen, und dann die Theorie nicht einmal richtig versteht, geschweige denn [15:18] wirklich kritisiert und kritisch geprüft hat. [15:23] Das war für mich irgendwie die entscheidende, das entscheidende Erlebnis vielleicht meines ganzen Lebens. [15:33] Sprecher D: Gesellschaftliche Erfahrung ist also ein wirkendes Motiv von Poppers Denken. [15:38] Sie ist ausführlich eingegangen in die Erörterung des zweiten großen Themas seiner Philosophie, der Frage nach der Beschaffenheit einer menschenwürdigen Gesellschaft. [15:48] Umfassend durchmusterte Popper die europäische Geschichte und ihre Leitideen. [15:53] Am Anfang aller diktatorischen Bewegungen fand er immer wieder die Behauptung, man habe jetzt endlich die wahren Gesetze der Geschichte und einer idealen Staatsordnung entdeckt. [16:04] Ein Wissensproblem also auch hier, und zwar, wie die Diktaturen zeigen, ein lebensbedrohendes. [16:19] Die falschen Propheten, wie Popper sie nennt, handeln meist in der besten Absicht. [16:24] Sie wollen jedoch das Heil jedermann mit Gewalt aufzwingen, und bringen dabei neues mörderisches Leid über die Menschheit, das sie mit der Verheißung des schönen Endziels eines Himmels auf Erden rechtfertigen. [16:36] Geschlossene Gesellschaften entstehen, in denen Abweichler und Kritiker brutal verfolgt werden. [16:41] Es versteht sich, dass Popper diese Lehren von seiner Kritik des Wissens her scharf angreift. [16:47] Als Hauptsünder hat er den griechischen Philosophen Platon ausgemacht, der einen autoritären Idealstaat konstruierte, über den Philosophenkönige herrschen sollten. [16:56] Aber auch Hegel und Marx sowie ihre Nachfolger haben behauptet, Geschichtsgesetze gefunden zu haben und damit totalitäre Regimes eingeleitet. [17:06] In seinem mit Heftigkeit argumentierenden Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde hat Popper die hier auftauchenden Probleme behandelt. [17:12] Es erschien 1945. [17:18] Sprecher C: Ja, das ist ganz richtig, sehr wichtig, denn es ist eigentlich ein Kriegsbuch, ein Buch, das ich während des Krieges geschrieben habe, um damit auf die Gefahren der Nachkriegszeit hinzuweisen und vor allem auch um die eigentlichen [17:45] Dinge klarzumachen, wie es in den Krieg gegangen ist. [17:51] Wie Sie sagen, es heißt die offene Gesellschaft und ihre Feinde. [17:55] Die Feinde sind hauptsächlich die Faschisten, die Nazis, und aber auch die kommunistische obzwar die kommunistische Diktatur ja damals mit uns verbündet war. [18:17] Und was ich bei der offenen Gesellschaft gemeint habe, war eine Gesellschaft, sagen wir, in der man frei atmen kann, frei denken kann, in der jeder Mensch einen Wert hat. [18:35] In der die Gesellschaft keine überflüssigen Zwänge über die Menschen ausübt. [18:44] Ja, es gibt Gesellschaften, die mehr oder weniger offen sind, und es gibt Gesellschaften vor allem, die gar nicht offen sind. [18:57] Unsere westlichen Demokratien waren sogar während des Krieges weitgehend offene Gesellschaften. [19:06] Seit dem Krieg ist es leider, leider mehr und mehr dazugekommen, dass die Politik so kompliziert wurde, dass— und die Parteidisziplin so straff wurde, dass die die Parteiführer fast diktatorische Mächte haben. [19:31] Das ist sehr schlecht. [19:34] Es ist der Fehler aller unserer Verfassungen, dass unsere Parlamente praktisch allmächtig sind. [19:45] Und diese praktische Allmacht der Parlamente wirkt sich dahinaus, dass die regierende Partei praktisch allmächtig ist. [19:52] Und das wirkt sich dann weiter, wie ich eben schon angedeutet habe, so aus, dass der regierende Parteiführer praktisch allmächtig ist. [20:01] Aber die Grundidee der ganzen Demokratie ist, die Macht zu beschränken und zu kontrollieren. [20:10] Nicht zu viel Macht, das ist die Grundidee der Demokratie. [20:15] Die Macht muss verteilt sein, sodass nicht zu viel Macht in einer Hand ist. [20:21] Und das lässt sich wahrscheinlich durch verhältnismäßig einfache Dinge, durch verhältnismäßig einfache Verfassungsänderungen durchführen. [20:34] Die Demokratie ist ein großes Experiment und die verschiedenen Formen der Demokratie müssen gegeneinander ausprobiert werden. [20:43] Eine Form, eine andere Form. [20:46] Niemand ist fähig, alle Schwierigkeiten, die inneren möglichen Widersprüche vorauszusehen, die sich in der Gesetzgebung verwirklichen, durch die Gesetzgebung verwirklichen. [21:03] Es geht immer alles Mögliche in einer Weise schief, die man nicht hat voraussehen können. [21:08] Aber das ist eben, dass man in der Politik eine mehr experimentelle Haltung einnimmt. [21:19] Sprecher D: Die Einstellung, die aus diesen Worten spricht, hat die auffällige Eigenschaft, sehr einfach und klar formuliert werden zu können. [21:26] Das ist kein Zufall. [21:28] Einfachheit und Klarheit sind für Popper intellektuelle Werte, deren Beachtung eine ethische Verpflichtung darstellt. [21:34] Denn alles, was so einfach und klar wie möglich formuliert wird, kann leicht überprüft und das heißt widerlegt werden. [21:42] Klarheit ist in dieser Philosophie keine Zugabe, sondern die sachlich notwendige Beschaffenheit ihrer Sätze. [21:47] Das ist, wie Reaktionen zeigen, in vielen Ländern bereits verstanden worden. [21:53] Poppers Bücher liegen bis heute in 16 Sprachen vor. [22:01] Der Stil seines Denkens steht im Dienst der Genauigkeit, gerade weil er sprachliche Festlegungen, Definitionen und den leeren Streit um Worte nicht mitmacht. [22:13] Sprecher C: Meiner Meinung nach ist es eine Art Lebensaufgabe, sich zu trainieren, so klar wie möglich zu sprechen. [22:27] Das wird nicht dadurch erreicht, dass man besonders auf die Worte achtet, sondern es wird dadurch erreicht, dass man seine Thesen klar formuliert und so formuliert, dass sie kritisierbar werden. [22:45] Die Leute, die zu viel über Worte oder Begriffe oder Definitionen reden, die bringen eigentlich nichts vor, das einen Wahrheitsanspruch erhebt. [23:03] Also man kann dagegen nichts— eine Definition ist eine reine konventionelle Angelegenheit. [23:15] Es gibt da eine Einschränkung, die meiner Meinung nach überaus, wie soll ich sagen, ruinös für die Philosophie ist, nämlich die Einstellung, dass man erwartet, dass jedermann die Begriffe, die er benutzt, definieren kann. [23:38] Was meinen Sie bei Gerechtigkeit zum Beispiel? [23:44] Gewöhnlich weiß er nicht, wie er es definieren soll, aber das bedeutet doch nicht, dass er nicht weiß, was Gerechtigkeit ist. [23:51] Also wenn einer zum Beispiel sagt, definieren Sie Mensch, und man gibt ihm als Antwort, Mensch, das ist ein federnloser Zweifüßler oder ein Zweifüßler ohne Federn, oder die andere aristotelische Definition, Mensch ist ein [24:07] vernünftiger wie es gehe. [24:10] Wissen wir dann mehr über den Menschen, wenn einer zuerst nicht gewusst hat, was ein Mensch ist, wird er es nach der Definition auch nicht wissen. [24:18] Also die Definitionen helfen nicht und helfen sicher nicht zur Klarheit, sie führen nur zu einer prätentiösen falschen Präzision, zum Gefühl, der Mensch, der spricht besonders präzise, aber nicht Präzision ist eine Scheinpräzision, [24:36] ist nicht wirkliche Klarheit. [24:39] Aus dem Grund bin ich gegen die Diskussion von Begriffen und gegen die Diskussion von Definitionen, sondern für einfaches Sprechen und klares Sprechen. [24:52] Und leider Gottes ist diese Forderung von mir sehr weitgehend ignoriert worden. [25:04] Ich habe besonders in der Open Society, der offenen Gesellschaft, im Buch über die offene Gesellschaft, habe ich gezeigt, dass die politische Philosophie und die politische Diskussion voller solcher Begriffsbestimmungen ist [25:21] und Diskussion über Begriffe ist. [25:23] Und ich habe gesagt, dass man sie ersetzen soll durch eine Diskussion von politischen Vorschlägen, politische Planungsvorschläge. [25:34] Ich meine nicht Dirigismen, sondern politische Vorschläge, was man eigentlich durchführen soll. [25:42] Und hier kommt es also nicht auf Worte an. [25:45] Stattdessen wird in der politischen Philosophie immer wieder darüber diskutiert, was Souveränität oder was ist der Staat und ähnliche Fragen, die zu überhaupt nichts führen. [25:56] Stattdessen sollte man diskutieren, wie weit soll sich der Staat in die privaten Affären der Staatsbürger einmischen und wann soll sich der Staat in die privaten Affären einmischen. [26:13] Das ist ein Problem, aber nicht, was ist der Staat. [26:23] Sprecher D: Gegen Poppers Denken ist der Einwand gemacht worden, dass es zum Relativismus, das heißt zum gleichzeitigen Geltenlassen vieler nur vorübergehend interessanter Theorien führen müsse. [26:35] Sicher, ein endgültiges Erkennen absoluter Wahrheiten schließt Popper auf allen Gebieten aus, aber in seiner Philosophie wird von einer dauernden Annäherung an die Wahrheit gesprochen. [26:48] Das bedeutet, dass es absolute Wahrheit gibt, auch wenn wir nie wissen, ob wir sie erreicht haben. [26:57] Jede Philosophie steht und fällt mit ihrer Stellung zum Wahrheitsproblem, deshalb kommt diesem Punkt besondere Bedeutung zu. [27:06] Popper hat sein können, dass es absolute Wahrheit wirklich geben muss. [27:11] Aber er zeigt ebenso klar, dass wir nie die Möglichkeit haben festzustellen, wann wir wirklich auf einen wahren Satz gestoßen sind. [27:19] Der absolute Wahrheitsbegriff, der bei Popper immer zugrunde liegt, ist nun in der Gegenwart unmodern geworden. [27:27] Sprecher C: Und zwar mit Recht. [27:29] Er ist deshalb unmodern geworden, weil Die Leute, die an die absolute Wahrheit geglaubt haben, auch geglaubt haben, dass sie die absolute Wahrheit in ihrer Tasche haben. [27:41] Sie haben alle möglichen Theorien vorgebracht, die sie als absolut wahr hingestellt haben. [27:52] Deshalb ist dann der absolute Wahrheitsbegriff gerade von den mehr bescheidenen Denkern verworfen worden. [28:00] Das war aber ein Fehler. [28:03] Die richtige Einstellung ist zu sagen, es gibt eine absolute Wahrheit. [28:09] Leider wissen wir, sogar wenn wir die Wahrheit aussprechen, oft nicht, ob es wirklich wahr ist, was wir sagen. [28:18] Wir sagen manchmal, sprechen wir von wissenschaftlichen Theorien. [28:23] Eine wissenschaftliche Theorie ist vielleicht wahr im Sinne des absoluten Wahrheitsbegriffes, aber wir können es nicht beweisen. [28:32] Wir wissen nicht, ob sie wahr ist. [28:33] Alles, was wir sagen können, ist, dass sie sich bewährt. [28:37] Aber wir haben die Wahrheit sozusagen nicht in der Tasche. [28:40] Und sogar wenn wir sie in der Tasche haben, kennen wir sie nicht als wahr, können wir sie nicht als wahr identifizieren. [28:50] Und aus diesem Grund ist also der absolute Wahrheitsbegriff mit Vorsicht zu gebrauchen. [28:56] Das heißt, als ein Ideal, oder was Kant eine regulative Idee genannt hat. [29:05] Es ist eine regulative Idee, die leitet uns, reguliert unser Denken, aber es ist nicht eine Idee, die wir realisieren können und erreichen können und wissen können, hier haben wir die Wahrheit. [29:19] Es gibt natürlich einfache Sätze, von denen wir wissen, dass sie wahr sind. [29:26] Man kann sagen, ein Satz ist entweder wahr oder falsch, und zwar absolut wahr oder falsch. [29:34] Und zwar wissen wir, dass es ebenso viele wahre Sätze gibt wie falsche Sätze. [29:39] Denn wenn ich zum Beispiel Satz aufstelle: Heute regnet es, so weiß ich, dass entweder der Satz heute regnet es oder heute regnet es nicht, einer dieser beiden Sätze ist sicher wahr und einer dieser beiden Sätze ist sicher [29:54] falsch. [29:55] Daher wissen wir also, es gibt wahre Sätze und es gibt falsche Sätze und es gibt ebenso viele wahre Sätze wie falsche Sätze. [30:03] Aber wir wissen nicht, welche Sätze wahr sind. [30:06] Welches ist das Geistige? [30:07] Das finden wir heraus durch Diskussion, natürlich auch durch Beobachtung, aber durch Beobachtung gewöhnlich nur in den allertivialsten Fällen, wie der Satz: Heute regnet es. [30:19] Es ist ein Fendt, wie Sie wahrscheinlich bemerkt haben. [30:27] Aber das sind triviale Beobachtungssätze. [30:29] Die mehr interessanten sind Sätze, für die müssen wir die Frage der Wahrheit durch Diskussion, durch kritische Diskussion müssen wir der Frage, ob sie wahr oder falsch sind, näher kommen. [30:44] Und die wirklich schwierigen wissenschaftlichen Sätze bleiben alle immer Vermutungen, die sehr gute Vermutungen sein können. [30:54] Der gut bestätigte, der bewährte Vermutungen sein können, aber sie bleiben doch immer wieder Vermutungen. [31:02] Und wir finden immer heraus, dass unsere Theorien an Stellen falsch sind, wo wir es nicht, wo wir es nicht sozusagen vorausgesehen haben. [31:17] Diese Diskussion der Wahrheit ist sehr wichtig, denn nur Wenn wir einen Begriff der absoluten Wahrheit aufstellen, nur dann können wir wirklich sehen, wie bescheiden wir sein müssen, weil wir eben kein Kriterium der Wahrheit [31:37] haben, weil wir die Wahrheit nicht in der Tasche haben. [31:42] Was ich Fallibilismus nenne, im Englischen also Fehlbarkeit, Theorie, die Fehlbarkeit nicht nur jedes Menschen, sondern die Fehlbarkeit der Wissenschaft, was eine sehr wichtige Position ist, was wir Fallibilismus nennen, [32:01] verlangt sozusagen als seine Ergänzung, dass wir einen absoluten Wahrheitsbegriff aufstellen, an dem wir unsere Fehlurteile, unsere Schwächen dann messen Das führt auch die Frage: Gibt es Zusammenhänge zwischen der Wahrheit [32:21] und dem Problem der Ethik? [32:25] Ja, sehr viele Zusammenhänge. [32:30] Die meisten ethischen Kritiken an unserer Gesellschaft fangen ja immer wieder damit an, dass die Verlogenheit unserer Gesellschaft kritisiert wird. [32:42] Also das ist ein direkter Angriff mit dem Wahrheitsbegriff auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse. [32:51] Und dieser Angriff impliziert deutlich, dass die Wahrheit als ein ethischer Wert angesehen wird. [32:58] Erstens die Wahrheit im objektiven Sinn, aber dann auch natürlich sich die Wahrheit im subjektiven Sinn, das heißt der Versuch, der Wahrheit getreu zu bleiben, was man zum Beispiel mit dem Wort authentisch heutzutage bezeichnet, [33:20] das ist nichts anderes als ein neues Schlagwort für Wahrheit, für subjektive Wahrheit, also für den Versuch, die Wahrheit als Ideal auch im Leben praktisch zu verwenden, für seine eigene Lebensführung zu verwenden. [33:42] Ethik ist ein schwieriges Gebiet, und zwar deshalb, weil viel zu viel darüber geschrieben worden ist. [33:54] Es gibt Schablonenlösungen, von Büchern über die Ethik, die fast nur über Worte reden und uns sehr wenig zu sagen haben. [34:13] Man kann über die Ethik von zwei Standpunkten sprechen, nämlich von der kantischen Frage: Was soll ich tun? [34:23] Und von der sehr eng damit zusammenhängenden Frage der Werte. [34:29] Aber wir haben über einen Wert gesprochen, das ist der Wert der Wahrheit. [34:39] Über die Frage, was soll ich tun, hier stellt sich schon die Schwierigkeit der praktischen Ethik im Gegensatz zur theoretischen Ethik heraus. [34:54] Denn der Satz, du sollst immer die Wahrheit reden, unter allen Umständen, ist offenbar falsch. [35:01] Es gibt offenbar Umstände, wo man einfach aus Menschlichkeit nicht die volle Wahrheit sagen darf. [35:12] Wenn es zum Beispiel ein Mensch zu schwach ist, oder wenn man annehmen muss, dass der Mensch zu schwach ist, um die Wahrheit zu hören, dass er todkrank ist und in ein paar Tagen sterben wird, so soll man ihn nicht aus bloßem [35:37] Wahrheitssinn diese Wahrheit aufdrängen. [35:43] Menschlichkeit ist vielleicht kein höheres Ideal als Wahrheit im absoluten Sinn, aber es ist sicher wichtiger als die einfache Formel, die übrigens Kant aufgestellt hat, dass man immer unter allen Umständen die Wahrheit sagen [36:02] muss. [36:04] Form halte ich für sehr wichtig, aber es gibt Ausnahmen, und diese Ausnahmen sind es, die die Ethik im praktischen Sinn so schwierig machen. [36:19] Sprecher D: Manche Leute glauben, dass es eines Tages eine wissenschaftliche Ethik geben könnte, die alle Probleme löst. [36:26] Wäre so etwas möglich? [36:29] Sprecher C: Ich glaube nicht nur, dass es nicht möglich ist, sondern dass auch gar kein Bedürfnis dafür besteht. [36:36] Ein Mensch, nehmen wir an, es gibt so eine wissenschaftliche Ethik, dann gibt es also dann einen Kodex, ein Buch, in dem steht, was erlaubt ist und was verboten ist. [36:50] Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass ein Verbrecher, bevor er ein Verbrechen begeht, erstmal nachschauen wird, ob das Verbrechen ethisch erlaubt oder verboten ist. [36:59] Ich meine, so sind die Probleme nicht. [37:02] Es ist auch unwahrscheinlich, dass einer, der ein Ehebruch begehen will, nachschaut in dem Buch, unter welchen Umständen Ehebruch vielleicht nicht gar so schlimm ist, und dann versucht, diese Umstände herbeizuführen, um eine [37:17] gewisse Entschuldigung für seinen Ehebruch zu haben. [37:19] Das ist alles, glaube ich, lächerlich. [37:22] Wir brauchen keine wissenschaftliche Ethik und es kann auch keine wissenschaftliche Ethik geben. [37:34] Es gibt aber etwas anderes. [37:37] Ich meine, die Wissenschaft selbst ist sehr stark von ethischen Prinzipien abhängig und diese Ethik, die in der Wissenschaft Wissenschaft sich manifestiert, sozusagen, also in der Wahrheitssuche, in der aufrichtigen Wahrheitssuche, [37:57] in dem Versuch der Wissenschaft, des Wissenschaftlers, sein Ich zurückzustellen, hintere Wahrheit zu entdecken. [38:13] Da sind ethische Prinzipien, die sozusagen indirekt in der Wissenschaft verankert sind. [38:23] Sie sind keine Konsequenzen der Wissenschaft, sie sind Voraussetzungen der Wissenschaft. [38:28] Sprecher D: Karl Raimund Popper hat eine Philosophie entwickelt, die in besonderer Weise als zeitgemäß erscheint. [38:35] Sie belehrt uns über den tatsächlichen Charakter der Naturwissenschaften, sie stellt sich engagiert den Problemen der gegenwärtigen Gesellschaft. [38:43] Das wichtige Wahrheitsproblem wird auf eine Weise aufgeklärt, die es erlaubt, mit diesem schwierigen Begriff wieder sinnvoll umzugehen. [38:51] Von Poppers Denken geht starke orientierende Kraft aus, obwohl er niemals unerfüllbare Versprechungen macht. [38:58] Popper verteidigt die heute vielfach bedrohte Vernunft, ohne in ihrem Namen ein einengendes System aufzubauen. [39:06] Falsche Propheten aus allen Lagern fürchten die kritische Potenz dieser Philosophie. [39:10] Sie ist ein wirksames Mittel gegen alle Formen intellektueller Verführung. [39:15] Ihre Zurückhaltung vermeidet auch die Klippen der Resignation und der Verdrossenheit. [39:21] Popper selbst plädiert für einen vorsichtigen Optimismus in Bezug auf die menschliche Einstellung zum Leben auf dieser Erde. [39:29] Sprecher C: Mir hat meine Frau, wie wir in Amerika waren, ein aus einer amerikanischen Zeitung ein Interview mit einem Le Mans-Flieger gezeigt, und der hat gesagt auf Englisch: I have seen some worlds in my days that give me the Earth [39:52] any day. [39:54] Was man übersetzen könnte: Ich habe ja verschiedene Welten gesehen, aber ich kann nur sagen, die Erde ist mir doch am liebsten. [40:04] Und diese Bemerkung eines offenbaren Fachmannes scheint mir sehr richtig zu sein. [40:12] Wir haben zwar unserer Erde ziemlich übel mitgespielt in verschiedensten Weisen und sie böse ausgenützt. [40:24] Aber ich glaube, jeder ehrliche Mensch muss sagen, dass die Erde schön ist. [40:30] Und ich glaube, wir haben früher von der Wahrheit gesprochen und von der Verlogenheit gewisser Traditionen. [40:43] Mir scheint die Tradition des Pessimismus eine Verlogenheit zu sein. [40:47] Irgendwie bejahen wir ja doch alle das Leben, trotz alledem, trotz allem, durch das wir gegangen sind, trotz zweier Weltkriege und trotz der Atombombe, trotz Hitler und trotz der Konzentrationslager. [41:08] Und wir bewundern ja doch die Leute, die Konzentrationslagern bis zuletzt durchgehalten haben. [41:16] Es bedeutet, dass wir das Leben bejahen. [41:26] Philosophie gegen falsche Propheten, 8. [41:32] August 1974.