Kassette 18b - Fermeldiskurs (unsicher), Popper und Kremer (1989-05-23) KI-Transkription (AssemblyAI), automatische Sprechertrennung, ungeprüft. Sprecher A/B/… noch nicht namentlich zugeordnet. — Auflösung: pro Sprecher-Turn — [0:01] Sprecher A: Er hat besonders versucht, jene Fälle herauszuarbeiten, die von einem kritischen Standpunkt aus seine Theorie widerlegen könnten. Und er hat auch gesagt, dass wenn diese Dinge beobachtet werden könnten, würde er sofort die Theorie fallen lassen. Es ist das die einzig mögliche Art, experimentelle Bestätigung einer Theorie zu bekommen, dass man sich überlegt, was würde denn geschehen, wenn die Theorie— wie könnte man zeigen, dass die Theorie falsch ist, und dann versucht, diese Situation zu realisieren. Und wenn man sie nicht mit bestem Willen nicht realisieren kann, dann ist es eine niemals entscheidende Bestätigung der Theorie. [0:51] Sprecher B: Und 1919 war nun die große Gelegenheit da, Einstein zu widerlegen, nämlich bei der großen Sonnenfinsternis, bei der die technische Möglichkeit gegeben war, die Beugung des Lichtes zu überprüfen. Ja, die Ablenkung des Lichtes durch die Masse der Sonne. [1:06] Sprecher A: Durch die Sonnenmasse. Ja, das war diese berühmte Expedition, die Eddington organisiert hat und die dadurch vor allem einen großen Eindruck gemacht hat, dass in dieser Zeit ja die deutschen Wissenschaftler, und Einstein war damals ein deutscher Wissenschaftler, die deutschen Wissenschaftler von den Standpunkten der Alliierten sozusagen verfilmt waren und mit einem gewissen Recht, denn sehr viele von ihnen hatten den Krieg mit großer, den Ersten Weltkrieg mit großer Begeisterung unterstützt und also die meisten hatten sich nicht allzu gut benommen. Einstein war einer der wenigen, es gab auch andere, die gegen den Krieg waren. [2:00] Sprecher B: Und das Sonnenexperiment hat nun ergeben, dass die einsteinsche Theorie nicht widerlegt worden ist. Ich vermeide das Wort bestätigt, denn das hören Sie ja nicht gern. [2:09] Sprecher A: Bestätigt ist nicht so schlimm, aber man darf nicht sagen bewiesen. [2:14] Sprecher B: Denn Sie meinen, dass es einen absoluten Beweis einer Theorie ja nicht geben kann. Wohl aber die Widerlegung, in dem Fall die Nichtwiderlegung, hat Sie beeindruckt. [2:25] Sprecher A: Also, es war, was mich hauptsächlich beeindruckt hat, war nicht so sehr die Nichtwiderlegung, obzwar die sicher sehr eindrucksvoll war, aber die Tatsache, dass hier eine Theorie sich exponiert hat, sozusagen für die Widerlegung, und dass die Widerlegung nicht stattgefunden hat. Das ist schon richtig. [2:46] Sprecher B: Das heißt noch einmal zusammengefasst, das Erlebnis der Enttäuschung über die russische Revolution und das Erlebnis dieser Nichtwiderlegung des Waren im Jahr 1919 die Wurzeln Ihrer Lebensphilosophie, die dann in den nächsten Jahrzehnten auf verschiedensten Gebieten, aber auch auf dem Gebiet der Geschichte, der Gesellschaft, der Politik durch wichtige Bücher, ich zitiere hier Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, ein Werk, das Sie unmittelbar nach dem Krieg veröffentlicht haben, später Das Elend des Historizismus, nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht haben. Dieses Lebenswerk ist weitgehend bekannt. Darf ich aber vielleicht nun bitten, den Hauptgedanken, den von Sokrates ausgehenden Gedanken einer durchgehenden Kritik an den Philosophen seit Plato vielleicht zusammenfassend darzustellen? [3:37] Sprecher A: Sie erwähnen Sokrates. Im Zusammenhang mit Sokrates finde ich, das Wichtige ist die sokratische Einsicht, dass wir sehr wenig wissen, oder wie Sokrates sagt, nichts wissen. Er sagt, ich weiß, mehr oder weniger in Kürze, ich weiß, dass ich nichts weiß und kaum das. Die sokratische Einstellung scheint mir ganz besonders wichtig zu sein, auch gerade heute wieder. Es ist meiner Meinung nach überaus wichtig, dass die Intellektuellen jede Art von intellektueller Anmaßung aufgeben. [4:27] Sprecher B: Und die begann mit Plato? [4:29] Sprecher A: Und die begann, na ja, ich weiß nicht genau, wann sie begann, aber sicher ist sie bei Plato manchmal sehr deutlich. Es gibt auch Ich meine, die Apologie des Sokrates ist ja schließlich auch ein Werk von Plato, und er hat sicher die Einstellung von Sokrates interessant gefunden. Seine eigene Einstellung war sehr verschieden. Am besten sieht man das vielleicht, wenn man die beiden, nämlich Sokrates und Plato, vergleicht in ihrer Einstellung zum Politiker. Sokrates Er wollte, dass weiße Männer Politiker sind, oder sagen wir, dass die Politiker weise sind, in dem Sinn, dass er gesagt hat, Weisheit besteht in der Realisierung dessen, darin, dass man sich klar wird darüber, dass man seine Grenzen hat, insbesondere die Grenzen seines Wissens hat, Also Weisheit besteht in der Realisierung seiner Grenzen, im Verständnis seiner eigenen Grenzen und besonders seiner Unwissenheit. Bei Plato wird es umgedreht. Plato sagt auch, dass der Staatsmann weise sein soll, aber hier meinte bei Weisheit nicht das Verständnis seines Nichtwissens, sondern dass man gelehrt sein soll, ein gelehrter Dialektiker. Und das ist natürlich etwas ganz anderes. Also für Plato ist die Forderung, die Staatsmänner sollen Philosophen werden, gelehrte Philosophen. Und eine Elite bilden. Und eine Elite bilden. [6:26] Sprecher B: Die sich natürlich nicht widerlegen oder ablösen lässt, sondern die durch diese Philosopheneigenschaft eigentlich unabsetzbar, unwiderlegbar sind, so verstehe ich das richtig? [6:35] Sprecher A: Ja, eine Art diktatorische Elite. [6:41] Sprecher B: Und dieser Grundgedanke, von dem meinen Sie, dass er eigentlich seit Plato zumindest einen ganz großen Teil der geschichts- und gesellschaftsbezogenen Philosophie vergiftet hat? [6:51] Sprecher A: Ja, Plato hat eine Fragestellung für die Philosophie der Politik, eine Fragestellung aufgebracht, die bis heute noch immer nicht fallen gelassen wurde, nämlich die Frage: Wer soll herrschen? Als die Grundfrage der Politik: Wer soll herrschen? Und die Antworten auf diese Fragestellung, die traditionellen Antworten, sind die weisesten die Besten, die Unbestechlichen, die eventuell rassisch Besten oder ähnliche Antworten. Auch die Antwort, das Volk soll herrschen, scheint mir verfehlt zu sein, weil eben die Fragestellung verfehlt ist. [7:40] Sprecher B: Sie haben doch jetzt in Salzburg eine der Antworten gegeben, wie man es in Wirklichkeit halten sollte, nämlich nicht die Frage zu stellen, wer soll herrschen, sondern die Frage, ich zitiere aus Ihrer Salzburger Ansprache an der Universität, was können wir tun, um unsere politischen Institutionen so zu gestalten, dass schlechte oder untüchtige Herrscher, die wir natürlich zu vermeiden suchen, aber trotzdem nur allzu leicht bekommen können, möglichst geringen Schaden anrichten und dass wir untüchtige Herrscher ohne Blutvergießen loswerden können. [8:08] Sprecher A: Ja, das scheint mir die Grundfrage zu sein, die Grundfrage der ganzen Politik, eine kritische und bescheidene Grundfrage und eine Frage, auf die man dann eine Theorie der Demokratie bauen kann, während auf die Idee der Souveränität, auch der Volkssouveränität, man keine Theorie der Demokratie errichten kann, nämlich keine widerspruchsfreie Demokratie. [8:35] Sprecher B: Herr Professor, wir kommen auf das sicher noch zurück. Darf ich aber im Zuge Ihrer Kritik an den Philosophen Hegel erwähnen. Das ist Ihr ganz besonderer Gegner in der Kritik der Geschichte der Philosophie. [8:49] Sprecher A: Gern. Und zwar nicht so sehr wegen seiner Lehren, sondern weil er durch die anspruchsvolle und dunkle Formulierung seiner Lehren der angeblichen Weisheit Türen und Tore geöffnet hat. Also der prätentiösen Formulierung Und, um es kurz zu sagen, dem Schwindel. Einem Schwindel, dessen sich natürlich die Leute nicht bewusst sind, weil sie ja gelernt haben, dass Hegel großartig ist und dass man in dieser Weise sprechen soll. [9:27] Sprecher B: Hegel hat ja auch in Ihrem Sinne gesprochen eine selbst sich versiegelnde Geschichtsphilosophie geboten, eine Geschichte, die in These, Antithese und Synthese sich spiralartig fortbewegt und die man in dem Sinn auch nicht widerlegen kann. Es wurzelt bei Hegel nach Ihrer Sicht der Dinge doch auch das, was Sie den Historizismus nennen. Überhaupt die Sicht der Geschichte, die einen Sinn der Geschichte, ein Ziel der Geschichte sucht, das eine bestimmte Politik rechtfertigt. [9:58] Sprecher A: Ja, aber meiner Meinung nach ist das Sinnproblem, dass wir in die Geschichte etwas hineintragen, nämlich unsere moralischen Ideen. Wir können der Geschichte einen Sinn eventuell aufzwingen, zum Beispiel den Sinn, es wäre durchaus sinnvoll, die Geschichte jetzt so zu lenken, dass Kriege vermieden werden. Das ist natürlich besonders klar durch die gegenwärtige Rüstungssituation, Atomwaffen und Ähnliches, aber es wäre eine Art von Sinngebung, der Geschichte, im Gegensatz zu diesen hegelischen und teilweise auch marxistischen Ideen, dass die Geschichte ihren eigenen Sinn hat, auch ohne dass wir diesen Sinn erst in die Geschichte hineintragen. [10:55] Sprecher B: Es hat ja seither viele Historicismen gegeben, wie zum Beispiel den pessimistischen von Spengler und Toynbee, der vor allem die Analogie des individuellen Lebens auf die Geschichte anwendet und daher Kulturen, Völkern, Rassen den Tod voraussagt, oder optimistische Historizismen, die ganz großen Fortschritt, ewiges Wachstum erwarten lassen. In unserer Zeit beeindruckt uns zum Beispiel die Voraussage des Club of Rome, die eine sehr pessimistische ist. Sie lehnen alle diese Historizismen, diese Suche nach unvermeidlichen Tendenzen in der Geschichte, lehnen Sie doch eigentlich grundsätzlich ab. [11:29] Sprecher A: Ja, ich halte das alles für falsch, und obzwar man natürlich immer daran denken muss, was in der Zukunft geschehen kann, sind meiner Meinung nach die Möglichkeiten so viele, dass direkte Prognosen unmöglich werden. Die Zukunft ist viel offener, als alle diese Leute es annehmen. [11:59] Sprecher B: Mich hat sehr beeindruckt ein Satz aus Ihrem Buch Das Elend des Historizismus. Da muss ich sagen, das Elend des Historizismus, könnte man sagen, ist das Elend der Fantasielosigkeit. Der Historizist kritisiert unaufhörlich jene kleinen Geister, die sich einen Wandel ihrer Welt nicht vorstellen können. In Wirklichkeit scheint aber dem Historizisten selbst die Phantasie abzugehen, denn er kann sich keinen Wandel in den Bedingungen des Wandels vorstellen. Ist das auch eine aktuelle Kritik? [12:25] Sprecher A: Ja, natürlich. Ich meine, die Dinge ändern sich in einer Weise, die wir nicht voraussehen können. Wir müssen natürlich dauernd versuchen, die verschiedenen Möglichkeiten wenigstens der nächsten Zukunft ins Auge zu fassen, um eben diesen Möglichkeiten Gegenüberstellung zu nehmen und sie zu beeinflussen. Das ist das Wesentliche. Wir können selbst etwas dazu tun, wie die Zukunft sein wird. Vielleicht nicht sehr viel, aber doch einiges, und wir haben schon einiges in der Richtung getan. Also aus diesem Grund scheint es mir besonders wichtig zu sein, dass wir nicht Pessimisten sein dürfen. Es hat gar keinen Sinn zu sagen, alles wird schlecht. Die wirkliche Fragestellung ist, was können wir tun, um es vielleicht nur ein kleines bisschen besser zu machen? Und vielleicht können wir sehr wenig tun, aber was wir tun können, sollen wir tun. Das ist natürlich eine Einstellung, die eben den Pessimismus ausschließt. [13:34] Sprecher B: Herr Professor, Ihr Grundmotiv ist Pazifismus. Andererseits wenden Sie konsequent die Evolutionstheorie, den Darwinismus, auf die gesellschaftlichen Bereiche an. Das ist eine sehr harte Sicht der Dinge, eine kämpferische. Man sucht nach einer Erklärung für diesen scheinbaren Widerspruch. Finde ich diese Erklärung in dem Streitgespräch, in dem Doppelinterview das mit Ihnen und Marcuse vor Jahren durchgeführt wurde und wo Sie gesagt haben: Eine Hypothese kann mit einer Mutation verglichen werden. Statt neue Mutationen hervorzubringen, bringen die Menschen manchmal neue Hypothesen oder Theorien hervor. Wenn die Menschen unkritisch sind, so werden die Träger der unangepassten oder schlechten Hypothesen ausgemerzt. Aber die vernünftige kritische Diskussion ermöglicht es uns, unsere Hypothesen zu kritisieren und als falsch zu eliminieren, ohne die Erfinder oder Repräsentanten der schlechten Hypothesen zu vernichten. Das ist die große Errungenschaft der kritischen Methode. Sie ermöglicht es, Hypothesen als verfehlt zu erkennen und zu verurteilen, ohne ihre Träger zu verurteilen. Die Methode der kritischen Diskussion lässt unsere Hypothesen für uns sterben. [14:47] Sprecher A: Was Sie hier zeigen, ist die Anwendung des Darwinismus auf die Produkte unseres Denkens, also auf unsere Hypothesen. [14:57] Sprecher B: Also auf den geistigen Bereich der Welt? [14:59] Sprecher A: Auf den geistigen Bereich der Welt, wenn Sie wollen. Es hängt damit zusammen, dass ich glaube, dass die Theorie oder die Hypothese— ich nehme diese beiden Ausdrücke fast als oder ganz als gleichbedeutend an, da alle Theorien hypothetischer Natur sind und keine Theorie beweisbar ist, so sind alle Theorien Hypothesen. Theorien spielen eine ungeheure Rolle in unserem Leben, auch in der Politik, überall, auch in der Gesellschaft natürlich überall. Wir arbeiten eigentlich die ganze Zeit mit Theorien, aber die Theorien sind unsicher, so wie das Leben unsicher ist. Die— Sie haben ganz recht, dass etwas, wenn Sie wollen, Darwinistisch-Kämpferisches in meiner Philosophie enthalten ist. Sie haben auch ganz recht, dass das mit meinem Pazifismus vereinbar ist und genau wegen dieser Einstellung, die Sie hier besprochen haben. Ich glaube, dass eigentlich der größte und wichtigste Fortschritt, der in der Entwicklung des Menschen erzielt wurde, dass das die Entwicklung der Sprache ist. Es ist die Entwicklung der Sprache, die es erlaubt, die Hypothesen außerhalb von uns hinzustellen. Bis dahin, bis zur Entwicklung der Sprache, ist der Träger einer Hypothese mehr oder weniger identisch mit der Hypothese, so wie der Träger unserer Augen und Ohren mehr oder weniger identisch ist mit dem System, zu dem die Augen und Ohren gehören. Aber mit der Entwicklung der Sprache wird es möglich, unsere Hypothesen aus uns herauszustellen und vor uns hinzustellen. Und dadurch wird es möglich, dass wir mit Hypothesen kämpfen und eventuell die Hypothesen umbringen, statt uns selbst umzubringen. [17:09] Sprecher B: Aber das heißt doch in der politischen Anwendung, die Demokratie ist eigentlich ein System der politischen Stärke. Denn die politische Stärke ist es, die einer Regierung ermöglicht, sich der Widerlegung zu stellen, sich der Kritik zu stellen. Ein System der politischen Schwäche ist es, das die Kritik zu vermeiden sucht und der Widerlegung zu entgehen sucht. [17:25] Sprecher A: Die Stärke soll darin bestehen, dass unsere Hypothesen einen wirklichen Inhalt haben, einen wirklichen Gehalt haben. Und das, wofür eine Regierung steht, soll auch einen Inhalt haben. Aber gewöhnlich wird mit der Stärke einer Regierung gemeint, dass die Regierung das, woran sie glaubt, durchsetzen kann, unter mehr oder weniger allen Bedingungen. Während meiner Meinung nach die Hauptsache für eine Regierung ist, dass sie sich dessen bewusst ist, dass sie zwar ein Programm hat, aber dass dieses Programm unter Umständen zu ungewollten Nebenerscheinungen führen kann und dass aus dem Grund es sehr wichtig ist, seinen eigenen Maßnahmen gegenüber überaus kritisch eingestellt zu sein und sich dauernd zu fragen, ja, was ist denn wirklich der Erfolg dessen, was wir getan haben? Haben wir nicht vielleicht doch etwas getan, dann, das zu Schaden führt und zu Dingen führt, die wir nie wollten. [18:31] Sprecher B: Also ein gutes System— im Verstand ist eine Fehler auszumerzen. [18:34] Sprecher A: Ein gutes System sollte dauernd auf der Wacht sein gegenüber den Fehlern, die es macht, weil wir ja immer zu wenig wissen. Also ein gutes System soll einerseits mit einer gewissen Kühnheit arbeiten. Andererseits soll es auch wissen, dass diese Kühnheit darin besteht, dass man Risiken läuft und dass man so schnell wie möglich die Fehler entdecken muss, die man macht, die jeder machen muss und jeder machen wird, und von diesen Fehlern zu lernen und die Fehler zu korrigieren, statt die Fehler zuzudecken oder als Nichtfehler zu erklären oder sogar als Erfolge zu erklären, wie es nur allzu leicht gerade auch eine starke Regierung tun kann. [19:22] Sprecher B: Das heißt, die Bereitschaft zum Irrtum und die Bereitschaft zur Einbekenntnis des Irrtums sind politische Tugenden? [19:28] Sprecher A: Ja, das sind, ja, ja. Jeder macht, jeder muss Irrtümer machen, und das Wichtige ist, dass wir von den Irrtümern lernen. [19:37] Sprecher B: Bei mir kommt es vor allem auch darauf an, eine Verwechslung nicht zuzulassen, dass hinter Ihrem betonten Kritizismus anarchische Tendenzen stehen könnten. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie meinen, dass eine Regierung, die die Kritik sucht, sich der Kritik stellt, dass die eigentlich dadurch, ich möchte nicht das Wort stärker noch einmal gebrauchen, dass sie dadurch wirksamer, besser, richtiger wird. [19:59] Sprecher A: Vielleicht könnte man sagen, dass sie gerade weil sie auch Fehler machen wird, dass sie dadurch fruchtbar sein wird. Das könnte man wohl sagen. Wie, glaube ich, jeder, der für die Freiheit ist. Ich bin durchaus sympathetisch eingestellt gegenüber dem Anarchismus. Das heißt, Anarchismus ist eine Art Übertreibung der Idee der Freiheit. Und wenn Sie da von einer starken Regierung sprechen, so liegt hier wahrscheinlich ein wirklicher Gegensatz zwischen uns vor. Denn ich bin ja der Ansicht, dass die Idee der Freiheit verlangt, dass so wenig als möglich geherrscht werden soll und regiert werden soll. So wenig als möglich, nämlich so wenig, als mit unseren Ideen der Gerechtigkeit und mit unseren Ideen der Gleichheit, der Beschränkung der Freiheit vereinbar ist. Kant hat gesagt, dass die sagen wir, dass die rationale Grundlage des Staates darin besteht, dass die Freiheit eines jeden beschränkt werden muss, wenn wir zusammenleben wollen. Und er hat gesagt, sie soll so wenig wie möglich beschränkt werden, und die Beschränkungen sollen so sehr als möglich gleich verteilt werden. Die notwendigen Beschränkungen der Freiheit sollen so sehr als möglich gleich verteilt werden. Das könnte man sogar als eine Art Anarchismus bezeichnen, aber es ist natürlich kein Anarchismus, Es verlangt, dass ein Staat da ist, der verhindert, dass der individuelle Mensch einen anderen Menschen in seiner Freiheit einseitig beschränkt. Eine sehr hübsche Formulierung, die, glaube ich, aus Amerika stammt, ist die: Jemand hat behauptet, der einen anderen niedergeschlagen hat, dass er nur seine Fäuste frei bewegt hat, worauf der Richter gesagt hat: Die Freiheit der Bewegung deiner Fäuste ist durch die Nase deines Nachbars beschränkt. [22:23] Sprecher B: Wenn ich meine Frage noch präzisieren darf, ich verstehe unter der Stärke einer Regierung die Fähigkeit, mit diesem doppelten Problem fertig zu werden. Wirksamkeit mit maximaler Respektierung der persönlichen Freiheit zu verbinden, so habe ich Stärke gemeint. Herr Professor, wenn ich jetzt abschließend Sie fragen darf, Sie empfehlen ein gesellschaftlich-politisch-geistiges System der Versuche und Widerlegungen, der Bescheidenheit, der Kritik. Sie wenden sich gegen jede Form des Historizismus, wie Sie es nennen, der Prophetie, sowohl der positiven Prophetie, das Versprechen eines Paradieses, wie auch der negativen Prophetie, der Inaussichtstellung einer Apokalypse. Sind die Menschen dazu fähig, die Menschen im Einzelnen und in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang, können sie ohne die Vorstellung von Paradiesen und Höllen eigentlich leben? Können sie so auskommen, wie Sie es ihnen empfehlen, oder empfehlen Sie hier einen geistigen Puritanismus? Dem die Menschen möglicherweise nicht gewachsen sind? [23:18] Sprecher A: Das ist sicher eine sehr ernste Frage, aber ich bin einer der letzten Nachzügler der Aufklärung, und die Aufklärung, die Grundidee der Aufklärung ist, dass wir die Wahrheit nicht fürchten sollen. Und obzwar wir, glaube ich, gleichzeitig und in dem Sinn, in dem Sie gesagt haben, tolerant sein müssen, insbesondere tolerant ethischen und religiösen Ideen gegenüber, So kommt es mir doch vor, dass wenn die Menschen mehr und mehr sehen, dass ihre eigenen Taten und ihre eigenen Werke einen, wenn auch geringen, aber doch immerhin einen Einfluss auf die Zukunft haben können, dass das, was sie hoffen und wünschen, auch einen Einfluss auf die Zukunft haben kann, so könnte wohl dieses Bewusstsein, das den Ausfall eines sicheren kommenden Paradieses als etwas bis zu einem gewissen Grad. [24:22] Sprecher B: Der Mensch muss also imstande sein zu ertragen, dass seine immerwährenden Versuche immer wieder widerlegt werden oder dass er selbst sie widerlegt. Das ist eigentlich, wenn man in den Mythos zurückgeht, das Bild des Sisyphus, der den Stein immer hinaufrollt und der dulden muss, dass er immer wieder zurückrollt. Camus ist in einem ähnlichen Versuch zu der Schlussfolgerung gekommen, wir müssen uns Sisyphus glücklich denken. Können Sie sich im Sinne Ihrer Lehre, Herr Professor, Sisyphus glücklich denken? [24:50] Sprecher A: Sicher, ja. [24:51] Sprecher B: Noch dazu, da ja jetzt Sisyphos immer ein Stück weiterkommt. [24:55] Sprecher A: Ja, und solange wir etwas tun können, das uns immerhin etwas, einen Beitrag zu einer Besserung verspricht, auch wenn diese Besserung von Zeit zu Zeit wieder zerstört werden sollte, wogegen wir natürlich ankämpfen sollen und können, Ein solches Bild des Lebens kommt mir durchaus akzeptabel vor, und ich glaube, dass die Menschen mit einem so verstandenen Bild des Sisyphos sich recht gut abführen. [25:35] Sprecher B: Ich danke, Herr Professor. [25:40] Sprecher A: Karl Poppers wichtigste Werke: Logik der Forschung, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Das Elend des Historizismus, Objektive Erkenntnis, Das Ich und sein Gehirn, vorerst nur Englisch, Ausgangspunkte, die eben in deutscher Sprache erschienene Autobiografie. [26:07] Sprecher C: So, und nun arbeitet man weiter, man berücksichtigt dies, jetzt entsteht ein ganz gutes Fundament Man treibt es wieder wie so ein Pflanzenstück weiter. Hier wird wieder falsifiziert, hier bestätigt. Nun entsteht doch langsam ein Gebilde, das eigentlich immer funktioniert. Ich meine, wie will man zum Beispiel die Grundlagen unserer gesamten physikalischen Auffassung von Archimedes an, die sich seit Jahrtausenden immer wieder bestätigen, wie will man das eigentlich falsifizieren? Ja, ja, du bist es auch, Tripsprinzip. [26:44] Sprecher A: Ich habe nämlich noch Wein. [26:45] Sprecher C: Naja, es ist Kraftgesetz, könnte man sagen, es ist eine Definition. Ist ja immer so. [26:54] Sprecher A: Ja, wir haben schon gelüftet. [26:56] Sprecher C: Ich habe den Eindruck, man kann bei guten Theorien eigentlich nie richtig falsifizieren. Das macht sich ketzerisch an. [27:06] Sprecher A: Hören. [27:07] Sprecher C: Man kann immer nur aufzeigen, wo der Gültigkeitsbereich liegt. Der kann sehr klein sein, dann taugt die Theorie nicht viel. Er kann groß sein, dann taugt sie mehr. Es kann sein, dass man irgendeinen Teil, wie er sagt, widerlegt. Dann heißt das lediglich, in diesem Bereich ist die Theorie einfach nicht gültig. Naja, er sagt ja nie, eine Theorie ist wahr. Er sagt ja nur, die Theorie hat sich bewährt. Das ist das Einzige, was man aussagen kann. Nun gibt es— Naja, er könnte es anders formulieren. Er könnte sagen, in ganz bestimmten Kompetenzgrenzen bewährt sich die Theorie. Ich kann sie aber nicht über diese Grenze noch— Zumal unsere wissenschaftlichen Theorien ja lediglich Formen der Beschreibung sind. Ja, aber zum Beispiel gerade das, worüber wir uns jetzt öfters unterhalten haben, über Rasterns Theorie und Einsteins allgemeine Relativitätstheorie. Die Dinger haben sich beide bewährt. Die sind beide nicht widerlegbar. Was ist nun richtig? Also so— Nein, das kann man so nicht sagen. Man kann nur sagen, es sind zwei verschiedene Beschreibungsformen. Die eine Beschreibungsform hat die eine Stärke, die andere die andere. Ich meine, das ist egal, was Sie hier benutzen. Das kommt, weil gerade bei Einsteins Theorie sieht man besonders gut den rein deskriptiven Charakter. Und alles, was hier mathematisch formuliert wird, ist doch nur eine Beschreibung. Ja, ja. Oder eine Form der Beschreibung. Der eine benutzt eine eben etwas ungeschicktere Methode, der andere eine geschicktere, und nachher stellt sich raus, für irgendwelche Spezialbelange ist die ungeschicktere Beschreibung wesentlich vielleicht besser geeignet. Na ja, würde er wieder sagen, bewährt sich besser. Ja, also bewährt sich besser. Ich habe es als Aussage, als Standpunkt E bezeichnet. Das sind so als abgeschwächte Form zum spiritistischen Standpunkt F geschlagen habe. Die Aussage: Ich weiß, dass mit dem Ableben irgendetwas auf mich zukommt. Ich kann es mir zumindest denken. Es ist für mich auch denkbar, dass es postmortale Zustände gibt. Aber ich will darüber gar nichts weiter wissen. Ich will daran glauben, denn es handelt sich um einen Glaubenssatz, der nicht enttäuscht werden kann. Ist der nihilistische Standpunkt richtig, dann werde ich meinen Irrtum ja nie bemerken, weil ich bei meinem eigenen Tod nicht mehr dabei bin. Und andere werden es auch nicht bemerken. Ist aber der nihilistische Standpunkt falsch, dann ist es bestimmt opportun, sich rechtzeitig mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, weil man den möglicherweise sehr langfristigen postmortalen Zustand sich dann bestimmt komfortabler gestalten Ja, nur was ist das nun im popperschen Sinne? Sie können ja diese Hypothese des Fortlebens nicht beweisen. Ich kann sie nicht beweisen. Im Gegenteil, wenn es einen Animismus gibt, dann ist diese These in jedem Fall falsifizierbar, weil ich aber auch jedes beobachtete Phänomen animistisch erklären kann. Praktisch ein Anti-Papa. Ja, so wie