Kassette 06a - Über den Widerstand der Wissenschaftler gegen wissenschaftlichen Fortschritt (1980-07-02) KI-Transkription (AssemblyAI), automatische Sprechertrennung, ungeprüft. Sprecher A/B/… noch nicht namentlich zugeordnet. — Auflösung: pro Sprecher-Turn — [0:05] Sprecher A: modernen Atomphysik. Als Plancksches Prinzip dienen sie Forschern, die sich mit der Analyse des Wissenschaftssystems beschäftigen, zur Charakterisierung jenes verblüffenden Phänomens des Widerstandes gegenüber neuen Entdeckungen innerhalb der Wissenschaftlergemeinde. [0:21] Sprecher B: Das Prinzip könnte allerdings viele Namen tragen, denn mancher ignorierte oder angefeindete Forscher setzte seine Hoffnungen genauso wie Planck auf die begrenzte Lebensspanne der Opponenten. [0:33] Sprecher C: So schrieb 60 Jahre vor Planck Charles Darwin in einem Brief an seinen Mitstreiter, den Biologen Thomas Henry Huxley: Ich sehe nun ziemlich deutlich, dass, sollten sich meine Auffassungen überhaupt allgemein durchsetzen, dies dadurch geschehen wird, dass junge Männer heranwachsen und die älteren Forscher ersetzen werden. Und die Jungen werden dann finden, dass sich die Tatsachen mittels der Abstammungslehre weit besser ordnen lassen als mit einer Schöpfungslehre. [1:01] Sprecher A: Darwins leidenschaftlicher Anhänger Huxley war übrigens dermaßen überzeugt von der Unfähigkeit älterer Wissenschaftler, ihre Auffassungen zu überprüfen, dass er kurzerhand vorschlug, jeden Gelehrten bei seinem 60. Geburtstag aufzuknüpfen. [1:14] Sprecher C: Der Grund: Das Alter verhärtet sie gegenüber neuen Wahrheiten und lässt sie zu Hindernissen für den Fortschritt werden. Unglücklicherweise ist ihr Einfluss umso schlimmer, je berühmter sie einmal verdienterweise geworden sind. Sind. [1:29] Sprecher A: Natürlich wurde diese Empfehlung nicht befolgt, und natürlich musste der hochberühmte Huxley sich manche Hänseleien gefallen lassen, als er selbst 60 Jahre alt wurde. Aber immerhin, Klagen über die Schwierigkeiten beim Durchsetzen einer neuen Wahrheit finden sich nicht nur in den Annalen der älteren oder jüngeren Wissenschaftsgeschichte. Auch die Nobelpreisträger der 70er Jahre haben oft das Unverständnis ihrer renommierten Kollegen zu spüren bekommen. Jedenfalls ist es nicht ungewöhnlich, wenn ein Nobelpreisträger in seiner Dankesrede in Stockholm kleine Bosheiten gegen die Fachwelt unterbringt und darauf hinweist, wie schwierig es war, die nunmehr preisgekrönte Arbeit überhaupt in einer angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen zu können. 1977 berichteten gleich zwei Preisträger von solchen Erfahrungen, so zum Beispiel die Amerikanerin Rosalind Yalow. [2:22] Sprecher B: Rosalind Yalow machte in den 50er Jahren die Beobachtung, dass sich der Stoffwechsel von Diabetikern gegen die Zufuhr von Insulin allmählich wehrt, weil der Organismus sogenannte Antikörper gegen das Insulin bildet. Die Publikation dieser bemerkenswerten Entdeckung wurde von allen einschlägigen Fachzeitschriften abgelehnt, da sie gegen das damals gültige Dogma verstieß, dass Insulin keine Produktion von Antikörpern anregt. Die als Physikerin ausgebildete Forscherin ließ jedoch nicht locker und entwickelte einen äußerst präzisen Test, den Radioimmunoassay, zum Nachweis der Antikörper. Der Radioimmunoassay wurde später zu einem wichtigen Hilfsmittel in vielen Bereichen der klinischen Forschung, in denen es darauf ankommt, winzigste Mengen biologisch aktiver Substanzen zu identifizieren. [3:13] Sprecher A: Aber selbst die mit dem neuen Test erhärteten Resultate mussten mehrmals umformuliert werden, bis sie den renommierten Diabetesforschern als veröffentlichungsreif erschienen. Nicht viel besser erging es dem in den USA arbeitenden französischen Mediziner Roger Guillemin, auch er ein Nobelpreisträger des Jahres 1977. [3:34] Sprecher B: Nach 7 Jahren härtester Arbeit, in deren Verlauf eine halbe Million Schafshirne verarbeitet wurden, war es ihm schließlich gelungen, eines der grossen Geheimnisse der Natur zu enträtseln: wie nämlich das Gehirn das Hormonsystem steuert und dem Körper Befehle gibt wie: Stelle das Wachstum ein oder bleibe schön warm. [3:55] Sprecher A: 1969 schickte Guillemin einen Artikel an die anspruchsvolle Zeitschrift Science. In ihm beschrieb er die Entdeckung von Steuerungshormonen, die im Hypothalamus produziert werden. Vor den Augen des Gutachters der Zeitschrift fand die Arbeit jedoch keine Gnade. Sie wurde abgelehnt. [4:13] Sprecher C: Über diese schmerzliche Erfahrung berichtet Guillemin: Die Ablehnung erfolgte wegen der Bemerkung eines gutachtenden Kollegen, der erklärte, dass diese Steuerungsfaktoren des Hypothalamus nichts weiter sind als eine andauernde Schrulle in Guillemins lebhafter Vorstellungswelt. [4:32] Sprecher A: 8 Jahre später wurden die vormals als Fantasieprodukte eingeschätzten Arbeiten mit der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung, dem Nobelpreis, bedacht. Kurios ist auch das Schicksal des Amerikaners Peyton Rous, der bereits 1911 entdeckte, dass einige Krebserkrankungen von Viren hervorgerufen werden. 15 Jahre später wurde er für den Nobelpreis vorgeschlagen. [4:55] Sprecher C: Er kam aber nicht zum Zuge, weil ein bekannter Mediziner die Relevanz der Rous'schen Arbeiten für das Krebsproblem mit folgender Spitzfindigkeit bestritt: Das Rouschesarkom ist überhaupt keine Krebserkrankung, denn seine Ursache ist ja entdeckt worden, und es ist wohl bekannt, dass Krebs eine Erkrankung ist, deren Ursachen unbekannt sind. [5:17] Sprecher A: Peyton Rous musste bis 1966 warten, bis ihm endlich, 55 Jahre nach seiner Entdeckung, die verdiente Anerkennung durch den Nobelpreis zuteil wurde. Gesundheit und langes Leben des Forschers waren hier also mindestens ebenso wichtig wie die wissenschaftliche Bedeutung seiner Arbeit. Freilich müssen Außenseiter nicht immer so lange warten. So hat sich 1978 das Nobelkomitee zu einer wahrhaft revolutionären Entscheidung aufgerafft, indem es mit dem Engländer Dr. Peter Mitchell einen höchst ungewöhnlichen Forscher auszeichnete. [5:51] Sprecher B: Mitchells Karriere könnte die Vorlage zu einem Hollywoodfilm abgeben. Als junger, unbekannter Dozent an der Universität von Edinburgh veröffentlichte er 1961 eine Theorie über die Energieproduktion in der Zelle, deren Details zwar reichlich kompliziert sind, die sich aber auf die wahrhaft radikale These reduzieren lässt, dass eigentlich gar kein Problem vorliegt. [6:14] Sprecher A: Mit seiner Anti-Theorie traf Mitchell auf den geballten Widerstand der Fachwelt. Ja, die Theorie wurde für ihn zur Karriereblockade. Ohne Beförderungsaussichten gab Mitchell schließlich seine Stellung auf und zog ins idyllische Cornwall, wo er mit ein paar Getreuen ein Labor betreibt, vornehmlich zu dem Zweck, seine unkonventionellen Thesen zu untermauern. Mitchell ist zum Glück als vermögender Mann auf eine Universitätslaufbahn nicht unbedingt angewiesen. [6:42] Sprecher B: Als Gentleman-Forscher von echt britischem Schrot und Korn gefällt sich Mitchell darin, seine Vorträge mit grafischen Darstellungen anzureichern, die illustrieren, wann welche etablierten Koryphäen seines Faches zu ihm übergelaufen sind. Dieser Prozess ist längst noch nicht abgeschlossen, und trotz der höheren Weihen durch den Nobelpreis werden Mitchells Konzepte von vielen Kollegen immer noch heftig bestritten. [7:08] Sprecher A: Der wissenschaftliche Fortschritt, so hat es demnach zumindest den Anschein, ist längst nicht so zwingend und geradlinig, wie es sich die Lehrbuchweisheit träumen lässt. In den Lehrbüchern wird zu Nutz und Frommen der Studenten die Wissenschaft oft als ein permanentes Fortschreiten in Richtung auf die Wahrheit dargestellt, Wobei natürlich der Wahrheitsgehalt ständig zunimmt. Abweichungen von diesem geradlinigen Selbstverständnis werden entweder dem Irrtum, den es auszumerzen gilt, oder der Dummheit zugeschrieben. Die Rückseite dieser schlichten Medaille ist aber, dass der wissenschaftliche Fortschritt kaum in jenem soliden Gleichmaß vonstattenging, sondern von revolutionären Umstürzen gekennzeichnet ist. Ein schönes Beispiel dieser anderen, heroisch unkonventionellen Betrachtungsweise findet sich im Mann ohne Eigenschaften, dem Hauptwerk Robert Musils, einem jener seltenen Dichter, die sich auf nahezu professionellem Niveau mit der modernen Wissenschaft beschäftigt haben. [8:08] Sprecher C: Dort heißt es: In der Wissenschaft kommt es alle paar Jahre vor, dass etwas, das bis dahin als Fehler galt, plötzlich alle Anschauungen umkehrt. Oder dass ein unscheinbarer und verachteter Gedanke zum Herrscher über ein neues Gedankenreich wird. Und solche Vorkommnisse sind dort nicht bloß Umstürze, sondern führen wie eine Himmelsleiter in die Höhe. [8:31] Sprecher A: Musils Darstellung entspricht ziemlich genau dem Schema, das die Philosophen des Wiener Kreises mit ihrem logischen Empirismus entwickelt haben. [8:40] Sprecher B: Wissenschaftler postulieren Theorien auf der Basis von Tatsachen, logischen Schlüssen und Konstruktionen. Die Theorien werden experimentellen Tests unterzogen und entweder bestätigt oder widerlegt. Versagen ältere Theorien, so werden neue vorgeschlagen mit einer größeren Erklärungskraft, die, wenn sie erfolgreich sind, die alten Theorien ablösen. So schreitet die Wissenschaft über ständige Umwälzungen voran zu einer immer besseren Annäherung an die Wahrheit. [9:10] Sprecher A: Diese Auffassung der Wissenschaft als ein permanentes Erfinden und Testen von Theorien ist neueren Historikern und Philosophen jedoch ebenso zu simpel wie die Lehrbuchvariante vom geradlinigen Fortschreiten. Der Amerikaner Thomas Kuhn, der gegenwärtig an dem hoch angesehenen Institute for Advanced Study in Princeton arbeitet, sieht die Entwicklung der Wissenschaften vielmehr als ein kompliziertes Zusammenspiel innerwissenschaftlicher Probleme mit historischen, sozialen und psychologischen Umständen. In seinem Aufsatz In seinem Buch Die strukturwissenschaftliche Revolutionen, der seit einem Jahrzehnt die Diskussion enorm befruchtet hat, skizziert Kuhn die Entwicklung der Wissenschaften etwa so: Die Geschichte einer wissenschaftlichen Disziplin ist charakterisiert durch lange Perioden relativ emsigen und friedfertigen Forschens. [10:01] Sprecher B: Derartige Perioden normaler Wissenschaft werden jedoch unterbrochen von Phasen des intellektuellen Umbruchs, die die Wissenschaft in ihren Grundfesten erschüttern, Eben den Revolutionen. In den Phasen normaler Wissenschaft verfügen die Forscher über einen soliden Satz brauchbarer Theorien, die sie fleißig zur Problemlösung anwenden. Über dieses Paradigma besteht eine mehr oder weniger stillschweigende Übereinkunft. Wer sich ihm nicht beugt, ist eben kein guter Wissenschaftler. Aber die fruchtbare Gelassenheit dauert nicht ewig. Unvermeidlich nehmen die Anomalien an Zahl und Bedeutung zu, die Wissenschaft stürzt in eine Krise, wie es der erdgebundenen Astronomie vor Kopernikus widerfuhr oder der klassischen Physik vor Planck und Einstein. In der Krisensituation diskutieren die Forscher weniger einzelne Tatsachen als die grundlegenden begrifflichen und methodischen Fragen ihrer Disziplinen. Ältere Wissenschaftler versuchen, die überkommenen Theorien um jeden Preis zu retten. Während Jüngere eher dazu neigen, neuartige Konzepte vorzuschlagen. [11:11] Sprecher A: Bei dem Wettstreit zwischen hergebrachten und revolutionären Paradigmen spielen keineswegs nur rationale Gründe eine Rolle, sondern ebenso Überredung und Überzeugung oder allgemein der Glaube an neue Problemlösungskapazitäten und neue Horizonte. Hat sich ein neues Paradigma aber durchgesetzt, dann herrscht wieder für einige Jahrzehnte emsige Ruhe an der Forschungsfront. Mit dieser Kuhnschen Auffassung der verschlungenen Pfade wissenschaftlicher Entwicklung lässt sich nunmehr viel besser verstehen, warum auch die bedeutendsten Wissenschaftler mit heftigen Widerständen zu kämpfen hatten. Oft schlugen sie ihre neuartigen Theorien zu einem Zeitpunkt vor, in dem ihre Kollegen noch keineswegs darauf vorbereitet waren. Im Nachhinein erkennen wir gerade an solcher Vorwitzigkeit die überragende Bedeutung eines Gelehrten, wie etwa Gregor Mendels, der die Erbgesetze entdeckte. [12:04] Sprecher B: Mendel hatte unter einer Vielzahl von Widerständen zu leiden, die dazu führten, dass seine 1865 veröffentlichten Erbgesetze mehr als 3 Jahrzehnte lang nicht zur Kenntnis genommen wurden. Die Forschungsergebnisse des Mönchs Gregor Mendel, die er in Brünn in einem Klostergarten an Erbsen gewonnen hatte, blieben aber keinesfalls deswegen unbeachtet, weil niemand etwas von den Züchtungsversuchen in einem Klostergarten erfuhr. [12:30] Sprecher A: Diese beliebte Lehrbuchlegende ist gründlich widerlegt worden. Der Band mit den Verhandlungen der Brünner Wissenschaftlichen Gesellschaft, in dem Mendels Arbeit erschien, wurde an über 120 Akademien und Universitäten versandt. Auch die weltberühmte Royal Society in London erhielt ihn ebenso wie die für die Biologie bedeutsame Linnaean Society. Zudem begann Mendel eine umfangreiche Korrespondenz mit den führenden Botanikern seiner Zeit, die jedoch allesamt von dem sonderbaren Treiben eines böhmischen Mönchs nichts wissen wollten. [13:04] Sprecher B: Mendel war einfach zu gering an wissenschaftlichem Rang, als dass er die Aufmerksamkeit der Koryphäen hätte erzwingen können. Ein weiterer Grund dürfte ein Horror der Biologen vor dem bisschen Mathematik gewesen sein, das Mendel in seiner Beweisführung benutzte. [13:19] Sprecher A: Der Vortrag vor der Brünner Gesellschaft für naturwissenschaftliche Studien im Jahre 1865 war jedenfalls ein Fiasko. [13:28] Sprecher C: Mendels Biograph beschreibt es so: Man muss zugeben, dass die Aufmerksamkeit der meisten Zuhörer abzuschweifen begann, als der Vortragende ziemlich schwierige mathematische Ableitungen durchführte. Wahrscheinlich begriff keiner von ihnen, worauf Mendel eigentlich hinaus wollte. Viele von Mendels Zuhörern müssen von der seltsamen Verbindung von Botanik und Mathematik abgestoßen worden sein. Die weniger Kundigen mögen sich an die pythagoreische Zahlenmystik erinnert gefühlt haben. [13:59] Sprecher A: Die angeblich schwierigen mathematischen Ableitungen entpuppten sich jedoch bei näherem Hinsehen als einfache Statistik mit ein wenig Bruchrechnung. Auch simple Mathematik reicht aber bei vielen Biologen schon aus, um heftige Aversionen zu wecken. [14:15] Sprecher C: 1901 fasste die Royal Society den denkwürdigen Beschluss, dass in Zukunft in der Biologie keine mathematischen Methoden mehr anzuwenden seien. [14:27] Sprecher A: Man sollte nun nicht etwa glauben, heute im Zeitalter interdisziplinärer Forschung könne so etwas nicht mehr vorkommen. [14:35] Sprecher C: Der renommierte Mathematiker Giancarlo Rota vom angesehenen Massachusetts Institute of Technology berichtet über seine Erfahrungen: Ich redete häufig mit Biologen, weil ich dachte, ich könnte ihre Probleme lösen helfen. Das war hoffnungslos naiv. Biologen haben ein zu primitives mathematisches Grundwissen, als dass sie wichtige Probleme aus dem Morast klassifikatorischer Arbeit ziehen könnten. [15:00] Sprecher A: Ein wenig Mathematik, ein geringer Status des Forschers in der Wissenschaftlergemeinde und Desinteresse oder gar Furcht vor Neuem führte dazu, dass Mendels genialer Beitrag zur Vererbungslehre total vergessen und erst 35 Jahre später, im Jahre 1900, von 3 Forschern wiederentdeckt wurde. [15:20] Sprecher B: Mit solchem Widerstand hat immer derjenige Forscher zu rechnen, der die ausgetretenen Pfade eines etablierten Paradigmas als Erster verlassen will. Läutet er die Revolution vielleicht gar zu vorzeitig ein, wenn die Koryphäen des Faches noch gar kein rechtes Problembewusstsein entwickelt haben, und ist er dazu noch relativ unbekannt, so kann er schlichtweg ignoriert und vergessen werden. [15:43] Sprecher A: Der Widerstand ist weit verbreitet, aber nicht allgegenwärtig, zumindest nicht in dem Maße, wie die bewegten Klagen mancher Geistesriesen vermuten lassen. So hat Charles Darwin, der ja das Plancksche Prinzip sozusagen vorformuliert hatte, den Widerstand gegenüber seiner wahrhaft revolutionären Konzeption vom Ursprung der Arten ziemlich überschätzt. Dies hat jedenfalls der amerikanische Wissenschaftshistoriker David Hull unlängst festgestellt. [16:11] Sprecher B: Hull analysierte die Haltung von 67 Forschern, die damals als die führenden Köpfe in England gelten konnten. 10 Jahre nach der Veröffentlichung der Abhandlung über den Ursprung der Arten waren 50 Gelehrte, immerhin 3 Viertel, überzeugte Darwinianer. Nur 17 Forscher, also das verbleibende Viertel, lehnte die Evolutionstheorie aus den unterschiedlichsten Motiven ab. [16:35] Sprecher A: Immerhin ist das Plancksche Prinzip auch in diesem Falle noch teilweise richtig, denn die Opponenten waren mit einer Ausnahme alle fortgeschrittenen Alters. Andererseits gab es auch gute wissenschaftliche Gründe, die gegen die Evolutionstheorie sprachen. Einer der Opponenten, die ein starkes Gegenargument vorbrachten, war der Physiker Lord Kelvin, der aus den damals einzig bekannten chemischen Energieumwandlungsprozessen das Alter der Sonne auf einige Millionen Jahre kalkulierte, eine viel zu kurze Zeitspanne für den langsamen Vorgang der Evolution durch Selektion. Erst die Entdeckung der Kernkraft als Energiequelle verlängerte gewissermaßen das Alter der Sonne auf einige Milliarden Jahre und brachte so die Diskrepanz zwischen Physik und Evolutionslehre zum Verschwinden. Dieses Beispiel zeigt jedenfalls, dass Widerstand dem Neuen gegenüber nicht immer auf mangelnde Einsicht oder gar Borniertheit zurückgeführt werden kann. Im Nachhinein muss man sich eher darüber wundern, mit welcher Kühnheit die Biologen den Kelvinschen Einwand gegen die Evolutionslehre beiseitegeschoben und einfach ignoriert haben. [17:42] Sprecher B: Der Erfolg in der Biologie war damals also nur um den Preis zu haben, dass man eine andere Wissenschaft, die Physik, nicht zur Kenntnis nahm. [17:51] Sprecher A: Diese Art des gewissermaßen produktiven Widerstandes illustriert aber auch, wie fest verankert die Ideen Darwins in der Biologie bereits waren, sodass sie selbst durch wohlbegründete Einwände nicht mehr aus den Angeln gehoben werden konnten. Eindrucksvoller als solche wissenschaftshistorischen Reminiszenzen zeigt wohl das Begräbnis die wahre Stellung des Revolutionärs, der sich persönlich nicht anerkannt fühlte. [18:17] Sprecher B: Unmittelbar nach dem Tode von Charles Darwin unterzeichneten 20 Mitglieder des britischen Parlaments eine Petition an den Dekan der Westminster Abbey, und plädierten für eine Ruhestätte des großen Gelehrten in der traditionsreichsten Kathedrale Englands. Ein Ersuchen, dem sich die anglikanische Kirche nicht entziehen mochte. Der einst als Rebell und Revolutionär umstrittene Darwin wurde unter großer Anteilnahme der Gelehrten und auch der gesellschaftlichen Welt in Englands Nationalheiligtum beigesetzt, unmittelbar neben dem Physiker Isaac Newton. [18:50] Sprecher A: Wirklich gelitten unter dem Widerstand der etablierten Fachkoryphäen hat dagegen ein anderer großer Entdecker des 19. Jahrhunderts, der Arzt Julius Robert Mayer. [19:01] Sprecher B: Mayer hatte 1841 das physikalische Grundprinzip von der Erhaltung der Energie formuliert und zugleich das sogenannte mechanische Wärmeäquivalent angegeben, also die Umrechnung von Bewegungsenergie in Wärme. Die Annalen der Physik mochten die Erkenntnisse eines Arztes jedoch nicht drucken. Erst eine umgearbeitete und verbesserte Darstellung fand in den von Justus von Liebig herausgegebenen Annalen der Chemie und Pharmazie Aufnahme. Meyer wartete jedoch vergebens auf die wissenschaftliche Anerkennung. [19:37] Sprecher A: Unerträglich wurde die Situation, als 5 Jahre später 2 berühmte Physiker den Energieerhaltungssatz veröffentlichten: der Engländer James Prescott Joule und der Deutsche Hermann von Helmholtz. Keiner von beiden mochte dem in Heilbronn wirkenden Arzt die Entdeckung dieses fundamentalen physikalischen Prinzips zuerkennen. Sie ignorierten Mayer einfach. Der geriet nach einigen erbitterten Streitereien in tiefe Depressionen. [20:04] Sprecher C: Später berichtete er: Diesem Umstande habe ich es beizumessen, dass ich in der Frühe des 18. Mai 1850 bei dem damals herrschenden heißen Frühlingswetter in steigende Aufregung geratend nach schlaflos hingebrachter Nacht in einem Anfalle plötzlich ausgebrochenen Deliriums, noch unangekleidet, 2 Stockwerke hoch vor den Augen meiner kurz vorher erwachten Frau, welche sich der Sache nicht versehen konnte, durch das Fenster auf die Straße sprang. [20:34] Sprecher A: Es folgte ein Jahr Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt und Jahre eines gebrochenen Lebens in Heilbronn, bis schließlich 1862 der bekannte Naturforscher John Tyndall in einem Vortrag in London erklärte: Keinen Größeren gab es in unserem Jahrhundert als Robert Mayer. [20:53] Sprecher C: Einige, in deren Schatten ihr jetzt noch steht, werden zukünftig in der Geschichte der Wissenschaft unter ihm stehen. [21:00] Sprecher A: Diese schnöde Behandlung eines Forschers, dessen einziger Fehler es offenbar gewesen war, nicht zu den etablierten wissenschaftlichen Kreisen gehört zu haben, wurde nachgerade zu einem dunklen Punkt in der Wissenschaftsgeschichte. [21:13] Sprecher C: So schrieb später der stets um Gerechtigkeit besorgte Max Planck: Ich denke immer an diesen einen Fall, der der künftigen Physik vorgehalten wird. Das hat der Physik sehr geschadet. [21:27] Sprecher A: Nicht nur einer wissenschaftlichen Disziplin, sondern der ganzen Menschheit haben Widerstände geschadet, denen sich Alexander Fleming, der Entdecker des Penicillins, ausgesetzt sah. [21:38] Sprecher B: 1929 stellte Fleming in einer wenig beachteten Veröffentlichung seine Beobachtung vor, dass gewisse Schimmelpilze eine bakterientötende Substanz produzieren, eben das Penicillin. Zwar wies er sogleich darauf hin, die Substanz könnte zum Beispiel bei der Behandlung infizierter Wunden nützlich sein, ein Medikament entwickelte er jedoch nicht. [22:01] Sprecher A: Das lag hauptsächlich daran, dass Fleming im berühmten Inoculation Department des Londoner St. Mary's Hospital arbeitete. An diesem Impfinstitut herrschte die Lehrmeinung, bakterielle Erkrankungen könnten nur durch die Stärkung der Abwehrkräfte des Körpers beeinflusst werden, keinesfalls jedoch durch den Versuch, die Bakterien abzutöten. Trotz dieser Doktrin veröffentlichte Fleming seine Entdeckung. Zu einer weitergehenden Forschung fühlte er sich jedoch in diesem Umfeld nicht mehr in der Lage. [22:31] Sprecher B: Erst 12 Jahre später griff der in den USA arbeitende Ernst Kline die Flemingsche Entdeckung wieder auf. Und entwickelte daraus eines der segenreichsten Medikamente. [22:41] Sprecher A: Über die Art des Widerstandes gegen den wissenschaftlichen Fortschritt, mit dem Gregor Mendel, Alexander Fleming und manche anderen Forscher konfrontiert waren, stellte unlängst der amerikanische Biologe Gunter Stent einige Überlegungen an. Sie enthalten so etwas wie eine Theorie des Widerstandes. [22:59] Sprecher B: Nach Stents Auffassung ist immer dann mit Widerstand seitens der Fachkollegen zu rechnen, wenn eine Entdeckung verfrüht ist. Solche voreiligen Entdeckungen lassen sich nämlich nicht in den normalen Gang der Forschung einklinken und stören also nur. Erst nach einem Wechsel der als selbstverständlich angesehenen Grundlagen einer Disziplin haben auch die verfrühten Entdeckungen eine Chance, in ihrer Bedeutung gewürdigt zu werden. [23:25] Sprecher A: Mit Stents Theorie lässt sich übrigens auch die problematische Situation exotischer Disziplinen wie der Parapsychologie deuten. Die Anhänger dieser Disziplin halten Phänomene wie außersinnliche Wahrnehmung oder Telekinese längst für erwiesen, auch nach den Kriterien kritischer und skeptischer Wissenschaft. Trotzdem neigen handfeste Wissenschaftler dazu, die Parapsychologie entweder zu diffamieren oder zu ignorieren. Der Grund dafür ist nach Gunter Stent darin zu suchen, dass diese Resultate, selbst wenn sie verifizierbar wären, einfach nicht in den Korpus kanonischen Wissens eingeordnet werden können. [24:05] Sprecher C: Gunter Stent schreibt dazu: Solange diese übersinnlichen Wahrnehmungen nicht mit unserem kanonischen Wissen über beispielsweise elektromagnetische Wellen oder die Neurophysiologie in eine Beziehung gebracht werden können, solange ist es unmöglich, sie als Wissenschaft zu akzeptieren. Sie wären in einem extremen Sinne verfrüht. [24:28] Sprecher A: Allerdings sollten die Parapsychologen aus diesen Bemerkungen nicht voreilige Hoffnungen schöpfen, dass sie eines nicht zu fernen Tages doch noch von der strengen Wissenschaft akzeptiert würden. Nicht jede verfrühte Hypothese hat die Chance, in die Wissenschaft einzugehen. Hier zeigt der Widerstand von Wissenschaftlern gegen den wissenschaftlichen Fortschritt seine produktiven Aspekte. Normale Wissenschaft wäre kaum noch möglich, wollte man sämtliche von Außenseitern in die Welt gesetzten Thesen ernsthaft als eventuelle Kandidaten für späteres solides Wissen in Betracht ziehen. Offensichtlich ist es so, dass ein gesundes Maß von Widerstand gegenüber Abweichungen den geregelten Gang der Forschung überhaupt erst ermöglicht. [25:17] Sprecher C: Sie hörten die erste Sendung der Reihe Vom Alltag der Wissenschaft – Forschungsprobleme soziologisch betrachtet von Albrecht Völsing. Die nächste Sendung dieser Reihe können Sie am nächsten Mittwoch wieder um 19:30 Uhr im Programm Bayern 2 hören. Und hier einige Programmhinweise.